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Predigtreihe Jüdisch-christlich: näher als du denkst

Wundervoll
Chanukka beziehungsweise Weihnachten
Gottesdienst von Pfarrer Dr. Martin Streck am 12. Dezember 2021

In dem Gottesdienst wurde die Kantate „Die Nacht ist vorgedrungen“ von Helene Streck uraufgeführt. Die Gemeinde war eingeladen, die Strophen dieses Liedes mitzusingen.
Liebe Gemeinde,
wir singen wieder. Vorsichtig, aber wir singen. Wir dürfen mitsingen bei der Kantate, die gut einstudiert heute das erste Mal erklingt. Wirklich das erste Mal. Denn wenn wir da sind, liebe Gemeinde, klingen Orgel, Saxofon, Bratsche und die menschliche Stimme in dieser Kirche anders. Und außerdem: die Kantate, die jetzt die Luft dieser Welt bewegt, hält, was sie verspricht. Kantate heißt: Singet, ihr sollt singen. Wir hören nicht nur zu. Wir sind Gemeinde. Und als Gemeinde stimmen wir ein in das Wunder und singen mit.
Wunder wecken Stimmen auf. Zacharias war Priester am Tempel in Jerusalem, Elisabeth seine Frau. Die beiden waren alt und hatten keine Kinder. Sie hatten sich damit abgefunden. Auch mit der Scham und der Angst. Wer wird für uns sorgen, wenn wir alt sind? Doch ein Engel kam. Zacharias hatte gerade Dienst am Altar, er opferte. Ein Engel kam und versprach ihm: Elisabeth wird schwanger und einen Sohn gebären. Gott ist barmherzig, so soll der Junge heißen, Johannes. Zacharias konnte sich das nicht vorstellen. Wie soll das gehen, fragte er. Wir sind alt, beide. Der Engel blieb dabei und Zacharias blieb die Stimme weg. Erst als der Junge geboren war, als man Zacharias fragte, wie der Junge heißen soll, fand er seine Stimme wieder. Gott ist barmherzig, so soll der Junge heißen, Johannes. Zacharias nahm das kleine Wunder, die neugeschenkte Stimme, um das große Wunder zu besingen, das Kind, dem noch größere Wunder folgen sollten. Zacharias sang. Bei Lukas im Evangelium finden wir es geschrieben
Lukas 1, 67 – 79: Und sein Vater Zacharias wurde vom Heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach: Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David – wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten –, dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, dass wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde, ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen. Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Und das Kindlein wuchs und wurde stark im Geist. Und er war in der Wüste bis zu dem Tag, an dem er vor das Volk Israel treten sollte.
Liebe Gemeinde, Zacharias und Elisabeth waren Juden. Wir sagen, unser Glaube kommt aus dem Judentum. Wir können es auch anders sagen: Unser Glauben hat jüdische Wurzeln. Wer leben will, schneidet die eigene Wurzel nicht ab. Wurzeln müssen wir erkennen und pflegen. Wir haben Advent. Drei Kerzen brennen am Adventskranz. Ihr wisst, mit einer beginnt’s, und mit jedem Sonntag im Advent kommt ein Licht dazu. Ich wusste nicht, dass wir das von den Juden haben, von Chanukka. Auf dem Liedblatt ist ein Bild. Drei Leuchter erkennt ihr. Menora werden sie genannt. Sie haben sieben Arme. Der Chanukka-Leuchter hat acht Arme und einen dazu, auf ihm ist auch eine Kerze, der Chamasch. Das heißt Diener. Mit ihm werden die anderen Kerzen entzündet. Acht Tage lang geht Chanukka. Mit einer Kerze geht es los. Mit jedem Tag kommt eine dazu. Chanukka wird zuhause gefeiert. Abends, wenn am Himmel drei Sterne zu sehen sind. Ein Gebet wird gesprochen, dabei werden die Kerzen entzündet. Dann wird der Leuchter ins Fenster gestellt. Auch draußen sollen die Menschen sehen, Gott tut Wunder. 
Eine Geschichte erklärt es. Es war fast zweihundert Jahre vor Jesus. Die Griechen, Heiden also, hatten Jerusalem erobert. Den Tempel in der Stadt hatten sie entweiht, einen ihrer Götter hineingestellt. Als die Juden die Griechen zurückgedrängt hatten, haben sie den Tempel wieder eingeweiht. Sie wollten feiern. Acht Tage lang. Sie suchten im Tempel nach Öl. Zum Fest brauchten sie Licht. Alle Ölflaschen hatten die Griechen aufgebrochen. Das Öl war unrein. Doch in einer Ecke ganz hinten lag noch eine Flasche. Sie war noch versiegelt. Reines Öl, für den Gottesdienst geweiht. Wie schön. Aber es reichte nur für eine Licht und einen Tag. Die Juden aber wollten feiern, dass sie ihren Tempel wieder hatten. Sie zündeten die erste Kerze an und feierten und merkten nach dem Segen: die Flasche war wieder voll. Das machte ihnen Mut. Und am zweiten Tag reichte die eine Flasche für zwei Kerzen, am letzten Tag für acht. Seitdem feiern die Juden Chanukka. Licht, das die Finsternis verdrängt. Licht, das sich vermehrt. Den Tempel, der ihnen wieder offensteht. Ihren Gott, der Wunder tut wieder und wieder.
Darum gibt es zwei wichtige Regeln zu Chanukka. Erstens: in diesen acht Tagen muss man sich freuen. Fasten und Trauern ist nicht erlaubt. Wenn es unbedingt sein muss, später. Und zweitens: es geht um das Wunder. Das Wunder ist das Licht. Man darf es nicht benutzen, etwa zum Lesen oder zum Basteln oder zum Essen. Das Licht will geschaut werden, betrachtet, bewundert. Es sind Kerzen oder Öllampen. Die Flamme bewegt sich, voller Leben, wir schauen hin, werden still und nachdenklich, und mit der Luft steigt unser Sinn nach oben. Und drittens: das Licht will geteilt werden. Mit seinen Wundern will Gott nicht nur dich und mich, nicht nur Juden und Christen beschenken. Gott will die ganze Welt verändern, hell soll sie werden.
Lasst uns noch einmal zurückkehren zu Zacharias, zu seinem Lied. Zacharias und seine Frau Elisabeth, Maria und Josef, die Eltern Jesu, lebten in einer Zeit voller Angst. Wieder hatte eine fremde Macht das Land erobert. Rom. Ein König war eingesetzt, der mit den Römern die Menschen unterdrückte und ausbeutete, Herodes. Vor nichts schreckte er zurück. Angst machte sich breit im Land. Wir kennen das. Angst, Angst vor der Krankheit, die im Finstern schleicht, unsichtbar Verderben bringt. Doch Zacharias singt. Er singt gegen die Angst. Denn er singt von Gottes Treue. Die gründet tief, im Herzen Gottes nämlich. Dort wohnt Barmherzigkeit. Die Treue Gottes ist ohne Anfang und Ende. In finsterer Zeit könnte Angst das verdecken. Darum singt Zacharias. Dass es ihm und allen anderen zu Herzen geht. Gott hat Wunder getan vorzeiten. Er wird weiter Wunder tun, wieder und wieder.
Das hilft in Not. Selbst wenn es keinen Ausweg mehr gibt. Gott ist da. Die Not kleinreden wäre falsch. Als könnte Gott nur in kleinen Nöten helfen. Jochen Klepper schrieb sein Lied in übergroßer Not: Die Nacht ist vorgedrungen. Noch manche Nacht wird fallen. Er war verzweifelt. Jochen Klepper hielt zu seiner Frau. Als Jüdin sollte Johanna Klepper sterben. Es war in der Zeit, in der sich unser Volk dem Nationalsozialismus verschrieben hatte und Millionen von Juden ermordete. Jochen Klepper ließ seine Frau nicht im Stich. Er blieb an ihrer Seite. Gestern vor 79 Jahren kamen die beiden ums Leben. Auch im Advent, auch an Weihnachten, darf das nicht vergessen gehen. Gott wirkt Wunder. In der Nacht lässt er Menschen singen. Denn das Licht ist nicht mehr fern. Jochen Klepper ahnte in seiner Verzweiflung den hellen Morgenstern. Dieser Schein, so schwach er ihm damals geglommen hat, fast nur erinnert gab ihm Zuversicht. Johanna und Jochen gingen dem Licht entgegen. Dem Licht, das zu uns kommt.Immer wieder lässt Not uns verstummen. Doch immer wieder erinnern wir die Wunder, die Gott getan. Wir greifen zu Bildern und Worten aus der Bibel, zu Liedern und Klang. Selbst wenn es nur ein Funke ist, es hilft weiter. Unsere Not ist groß. Doch Gott kommt und säumt nicht. Wir erwarten ihn. Wir können aufsehen und aufeinander sehen. Gott wird uns nicht allein lassen. Darum lasst uns zusammenbleiben und zu anderen gehen. Mit Wort und Lied vom Wunder singen. Unser Licht kommt. Amen.