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Predigtreihe Jüdisch-christlich: näher als du denkst

Frei von Sklaverei und Tod
Pessach beziehungsweise Ostern
von Pfarrer Dr. Martin Streck vom 28. März 2021

Liebe Gemeinde,
wir werden frei! Wenn ich spreche, darf ich nach unserem Hygienekonzept, die Maske abnehmen. Eine kleine, eine winzige Freiheit. Größer die Freiheit, in der die Kirchen­gemeinde dieses Konzept erstellt hat, in der wir Wege su­chen, uns und andere zu schützen. Und noch größer die Freiheit, von der wir heute hören. Glauben ist sie im Hebräerbrief genannt. Da hören wir vom Glauben des Mose rund um Pessach und den Auszug aus Ägypten.
Ich könnte Euch viel von Pessach erzählen. Es ist ein weites Feld, nicht alles davon ist gewiss. Das macht es schwer. Denn das Pessach, wie die Juden es heute feiern, wurde erst weit nach Jesus so gestaltet. Er hat mit den Jüngern das Passalamm gegessen. Als Kind schon ist er hineingewachsen in dieses Fest. Aber wie genau er es feierte, wissen wir nicht. Was sicher ist: es ging auch damals um die Geschichte von Mose, wie Gott durch ihn die Juden herausführte aus der Sklaverei in Ägypten.
Darum ist Pessach bei den Juden ein fröhliches Fest. Zuhause kommen sie zusammen, um zu essen und zu trinken. Man spendet und schenkt und vor allem lädt man andere mit an den Tisch. Sie lachen und singen. Und doch ist es fast ein Gottes­dienst. Denn vor und nach den einzelnen Speisen lesen, singen und beten sie. Schon die Vorbereitung ist litur­gisch. Es wird geputzt, wie ein Früh­jahrsputz. Kein bisschen Sauerteig darf im Haus sein. Alles Brot und Mehl muss raus.Die Speisen bei Tisch sind leicht. Denn Gott ruft heraus in die Freiheit. Gott ruft zum Glauben.
Im Hebräerbrief ist von Mose und dem Glauben die Rede. Mose glaubte dem Unsichtbaren. Das ist Juden und uns Christen gemeinsam: Gott ist nicht sichtbar. Er lässt sich nicht fassen. Auch nicht in Buchstaben. Gott steht nicht. Gott ruft. Gott kommt. Gott begegnet. Mose hat Gottes Ruf gehört und das Passamahl geordnet. Die Haustüren sollten die Juden mit dem Blut des Lammes bestreichen. Darum ging der Würgeengel an den Häusern der Juden vorüber, als er der Erstgeburt der Ägypter den Tod brach­te.
Schließlich sind Mose und das Volk aufgebrochen. Sie folgten dem Unsichtbaren, als würden sie ihn sehen. Verborgen in einer Wolken- und nachts in einer Feuersäule führte und schützte er sie. Tag und Nacht konnten sie gehen. Sie verließen sich darauf: Gott geht uns voran. Sieben Tage lang wird Pessach gefeiert. Der Durchzug durch das Meer war mehr als ein Moment. Und dann zog das Volk ja noch lange durch die Wüste. Der Weg zur Freiheit ist lang. Doch sie ist es wert. Darum das lange Essen. 15 verschiedene Speisen. Und jede Spei­se gibt zu denken, zu erinnern. Bittere Kräuter, denn das Leben in der Sklaverei war bitter. Das Salz lässt an die Tränen denken. Und bei allem sitzt man aufrecht und lehnt sich nicht an. Denn gleich geht es auf den Weg in die Freiheit .Liebe Gemeinde, der Weg der Juden durch die Geschichte war hart. Wir Christen haben sie, unsere älteren Geschwistern im Glauben, unterdrückt und ver­folgt. Den­noch haben die Juden wie­der und wieder Pessach gefeiert.
Nach der Ordnung musste der Jüng­ste am Tisch fragen: Was unter­scheidet diese Nacht von allen anderen Näch­ten? Auch wenn es finster war um sie herum, an Pessach erinnerten sich die Juden immer wieder, dass Gott sie für die Freiheit erwählt hat. Das gab ihnen Kraft, den Unterdrückern und ihrem Ungeist zu widerstehen. Im Hebräerbrief werden wir ermuntert, dass wir alle Last ablegen und die Sünde, die uns so leicht um­garnt.
Es geht so schnell, dass wir nur noch schwarz sehen, nicht mehr das Gute, das uns geschenkt ist, den Guten, von dem es kommt. Nach so kurzer Zeit schon gibt es Impfstoffe, die uns helfen. Endlich haben wir genügend Masken, unseren Atem zu schützen. Wir können uns testen lassen. Doch wie leicht sind wir umgarnt von der Sünde. Bloß weil wir Deutschen nicht die besten sind. Missgunst, Neid und Besserwisserei nehmen uns in Besitz. Jeder ist sich selbst der Nächste. Doch Gott hat nicht einzelne durchs Meer geführt. Er hat ein ganzes Volk in die Freiheit geführt, das Volk, in dem er alle Völker erwählt hat.
Vielleicht lernen wird das vom Pessach der Juden für unser Ostern: Gott ruft alle Menschen. Alle will er zur Freiheit führen. Ich sehne mich danach, wieder Abendmahl zu feiern. Viele andere auch. Dann wer­den wir schme­cken und sehen, wie freundlich der Herr ist. Aber nicht nur für uns allein werden wir es spüren. Unser Herz wird bren­nen und wir werden offen und durchlässig werden für Gottes Licht. Gott will, dass es hell wird in der ganzen Welt, und alle Menschen frei. So schön es sein wird bei Tisch: lasst uns nicht bequem werden. Darum lasst uns aufstehen, um den Glau­ben zu sprechen. So kommen wir schneller ins Gehen. Amen.