Predigtreihe Evangelisch in Dörnigheim 2017

Predigt von Pfarrer Martin Streck zum Thema: gleich vor Gott in einem Gottesdienst mit Taufen

Der Predigt liegt zugrunde ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium (Kapitel 16, Verse 16 und 20–23a)

16 Noch eine kleine Weile,dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. 20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll zur Freude werden.21 Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. 22 Auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen. 23a Und an jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen.

Liebe Gemeinde,

Papa, komm! – Ja, ich komme gleich. – Papa, komm jetzt! – Gleich. Zehn Minuten später steht Papa auf und kommt. Sein Kind schaut ihn überrascht an. Längst hat es beiseitegelegt und vergessen, wozu es seinen Vater brauchte.


Anderes lässt sich nicht so schnell vergessen: Das Kind fällt und verletzt sich. Da werden die Eltern gleich zum Kind hinstürzen, sehen, aufhelfen und trösten. Und hoffen, dass es gleich besser wird.
Eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen.
Ist das Kind satt und schläft es, hat es zu tun und Kurz­weil, muss es Vater und Mutter nicht sehen. Spürt es Hunger, langweilt es sich, wird es horchen und schau­en, dass es nicht allein ist.

Gleich, nur eine kurze Weile noch, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen. Jesus schreckt damit seine Jünger. Ich werde euch verlassen. Traurig werdet ihr sein. Doch dann, welch ein Glück: Gleich, abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich wiedersehen. Die Traurigkeit wird Freude werden. Schaut genau hin: sie wird. Sie wird nicht abgelöst, sie tritt nicht ab, die Traurigkeit bleibt und wird – glei­ch verwandelt zur Freu­de.

Die Trauer will ja sehen. Wie die Schwan­gere, die ihr Kind unter dem Herzen fühlt. Nie wieder hat sie ihr Kind so nah wie in den neun Monaten, in denen sie es unter ihrem Herzen trägt. Doch sehen kann sie es nicht. Nicht die Augen des Kindes, sein Licht, sein Leben. Dann die Geburt. Mit Angst und Schmer­zen, wenn das Kind ins Leben tritt, zur Welt kommt. Gleich, gleich ist es da. Vater und Mutter sehnen sich danach. Gleich. Ist es da, sieht es der Mutter in die Augen, wird die Trau­rigkeit zur Freu­de.

Gleich. Über ein kleines. Jesus, Gottes Sohn, von den Menschen er­sehnt, dass Frieden wird. Wurde geboren. Wuchs auf. Sprach den Menschen zu. Sammelte Jünger und sprach zu ihnen von einer Weile, dass sie ihn nicht mehr sehen. Gleich. Und gleich wird ihre Trauer zur Freude, wenn sie ihn wieder sehen. Zum Vater wird er gehen, sterben und auferstehen. Dann wird er wiederkommen, sie wiedersehen, durch seinen Blick die Trauer in Freude verwandeln. Über ein kleines. Gleich. Jesus wird uns wiedersehen. Und wir werden sein gleich bei Gott.

Zwei Kinder haben wir getauft. Die beiden sind ein Zwei­tes. Sie haben beide einen großen Bruder. Wo zwei Geschwister sind, können sie, müssen sie teilen. Gleich. Doch gleich sind sie nicht. Die großen Brüder sind älter. Sie haben ihre kleinen Geschwister lieb. Sind nicht mehr das einzige Kind, nicht mehr allein. Doch gleich sind sie nicht. Junge und Mädchen. Groß und klein. Selbst Zwillinge wären eigene Menschen, Du und Ich. Sind sie gleich? Ja und Nein.
Kinder ihrer Eltern, von den Eltern mit ihrer ganzen Liebe geliebt. Liebe lässt sich nicht messen noch zählen. Und doch ist sie niemals gleich. Liebe gewinnt Gestalt. Liebe lebt zwischen Menschen. Menschen sind unter­schiedlich. Darum wird das Lieben bunt, je nachdem wer wen liebt. Wann und Wo. Und doch ist in jedem Lieben eine Sehnsucht, ganz und gar und gleich geliebt zu werden.

Da waren zwei unter Jesu Jüngern, die baten ihn, dass sie neben ihm sitzen dürfen in seinem Reich. Verständlich. Sie liebten ihn. Liebe sucht Nähe. Lasset die Kinder zu mir kommen, sagte Jesus. Die Kinder spürten von fern, wie sehr Jesus sie liebte, in seinen Armen wollten sie sich bergen. Wieviele werden es gewesen sein? Drei, vier oder zwanzig oder vierzig Kinder?

Gleich bei Gott. Da braucht es keine Beziehungen der gewöhnlichen Art, Connections, wie wir sagen. Ja, sie schaden, stellen den, der auf sie baut, in ein trübes Lich­t. Gott zieht die Menschen zu sich hin. Jesus sieht sie an, schaut sie wieder an, und ihr Herz wird sich freuen. Dass Jesus uns an­schaut, genügt. Ob wir seinen Blick erwidern oder die Augen schlie­ßen, ob wir frech oder verzagt blicken, Jesus schaut uns wieder an und weckt uns zur Freude. Sein Blick macht unsere Augen licht. Jede und jeden gleich, ohne gleichzuschalten. Was ge­schwächt ist, wird gestärkt. Was verletzt ist, wird heil. Was verloren ist, gefunden. Was zertrennt ist, wird wieder zusammengebracht. Wer gebeugt ist, wird aufgerichtet. Die Trau­er zur Freude verwandelt. Die Ersten werden die Letzten sein. Die Letzten die Ersten. Wir Menschen machen Unterschiede. Doch bei Gott sind wir – Gott sei Dank – gleich. Gleich bei Gott.

Zwei Kinder haben wir getauft. Schwester und Bruder sind sie Dir und mir und allen Christen geworden. Kinder Gottes wie wir. Sie werden wachsen. Sie werden Laufen lernen. Und Sprechen. Sie werden die Welt entdecken. Und fragen, wie nur Kinder fragen können, weil sie ihrem Sehnen folgen. Sie werden Menschen finden, die ihnen Antwort geben und sie begleiten bei der Entdeckung der Welt. Sie werden fragen sich selber fragen lassen. Im Hin und her von Frage und Antwort werden sie groß werden.
Und schließlich werden sie Worte an den richten, der uns alle ins Leben gerufen hat, der uns erhält und in den Himmel trägt, an unseren Gott. Sie werden Beten lernen und Singen. Auf Gott horchen sie, ihm klagen, ihn fragen sie. Mit großem Sehnen.
Doch eine kleine Weile, gleich, da kommt der Tag, an dem wir nichts mehr fragen werden, auch Jesus nicht. Er wird uns wiedersehen. Sein Blick wird alles sagen. Und alles wird gut sein. Gleich wird es sein. Gleich bei Gott. Amen.