Versöhnung feiern

Jom Kippur beziehungsweise Buße und Abendmahl

Gottesdienst von Pfarrer Dr. Martin Streck am 12. September 2021

Helene Streck spielte die vier Sätze der Sonate Nr. 1 in f-moll von Felix Mendelssohn–Bartholdy, 1809–1847. Felix Mendelssohn entstammte einer jüdischen Familie, seine Eltern ließen ihn mit sieben Jahren taufen, worüber er selbst nicht glücklich war.

Orgelmusik zum Eingang: 1. Satz Allegro moderato e serioso

Lied Evangelisches Gesangbuch 364, 1 + 4: Was mein Gott will, gescheh allzeit

Begrüßung

Unsere Hilfe kommt von dem Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.
Ich begrüße Sie zu unserem Gottesdienst.
Weiß ist die Kirche geschmückt.
Strahlende Freude.
Das jüdische Volk,
unsere älteren Geschwister im Glauben
feiern dieser Tage Jom Kippur,
den Versöhnungstag.
Paulus schreibt:
Wir bitten Christi statt:
Lasst euch versöhnen mit Gott. (2 Kor 5, 20)
Christen wie Juden suchen Versöhnung.
Aus einem anderen Grund fragen wir nach dem Versöhnungstag der Juden.
Wir feiern 1700 Jahre jüdisches Leben in unserem Land.
Unser christlicher Glaube gründet in Glauben und Leben der Juden.
Heute denken wir nach über Jom Kippur beziehungsweise Buße und Abendmahl
– ein Widerspruch?
Jom Kippur ist einmal im Jahr.
Der höchste Feiertag im Jahr des jüdischen Volkes.
Abendmahl feiern wir öfter:
monatlich, manche Christen gar wöchentlich oder täglich.
Am Versöhnungstag wird streng gefastet,
ein leichtes Festmahl schließt ihn ab.
Vor dem Abendmahl fasten einige Christen.
Doch es ist ein Mahl, Essen und Trinken.
Trotz aller Unterschiede, für beide gilt:
„Es ist ein Tag der Freude, weil wir Sühne von Gott empfangen.“
Am Versöhnungstag besiegelt Gott sein Urteil über die Menschen.
Am Tisch des Herrn werden wir Christen mit Jesus eins, werden wir mit seinen Schwestern und Brüdern und ihm ein Leib.
„Es ist ein Tag der Freude, weil wir Sühne von Gott empfangen.“'
Der Psalm führt uns hin.

Antiphon (Psalm 51, 12–13) Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.

Psalm 130

Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir, Herr, höre meine Stimme!

            Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!

Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst, Herr, wer wird bestehen?

                    Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

Ich harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.

                    Meine Seele wartet auf den Herrn  mehr als die Wächter auf den Morgen;

mehr als die Wächter auf den Morgen hoffe Israel auf den Herrn!

            Denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.

Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Antiphon (Psalm 51, 12–13) Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.

Lesung: Jesaja 57, 14–21 (Zürcher ÜBersetzung)

            Und [Gott] spricht:

            Legt einen Weg an,

            legt einen Weg an,

            räumt den Weg frei!

            Räumt meinem Volk die Hindernisse aus dem Weg!

15         Denn so spricht der Hohe und Erhabene,

            der ewig wohnt

            und dessen Name Der-Heilige ist:

            In der Höhe und als Heiliger wohne ich,

            bei den Zerschlagenen und Erniedrigten,

            um den Geist der Erniedrigten zu beleben

            und das Herz der Zerschlagenen zu beleben.

16         Denn nicht für immer werde ich streiten

            und nicht ohne Ende zürnen,

            denn ihr Geist würde vor mir verschmachten

            und die, die atmen –

            habe doch ich sie gemacht!

17         Über die Schuld,

            über ihre Habsucht war ich zornig,

            so dass ich sie geschlagen habe,

            mein Angesicht habe ich verborgen,

            und ich war zornig,

            sie aber gingen abtrünnig auf dem Weg ihres eigenen Herzens.

18         Ihre Wege habe ich gesehen

            und ich werde sie heilen.

            Und ich werde sie leiten

            und es ihnen mit Tröstungen vergelten,

            ihnen und ihren Trauernden.

19         Ich schaffe Frucht der Lippen,

            Frieden, Frieden

            dem Fernen und dem Nahen,

            spricht der Herr.

            Und ich werde sie heilen.

20         Die Frevler aber sind wie das aufgewühlte Meer,

            es kann keine Ruhe finden,

            und seine Wasser wühlen Schlamm auf und Dreck.

21         Kein Frieden für die Frevler!,

            spricht mein Gott.

Ansprache 1: Fern von IHM ist ER uns nah

Vor fünf Tagen feierten die Juden Roschhaschana, den Anfang des Jahres. In fünf Tagen ist Jom Kippur. Zehn Tage verbinden die beiden Feste.

Beginnt ein Neues, blicken wir zurück. Wie war das alte Jahr? Tage des Nachdenkens, der Prüfung. Was habe ich getan? Wo habe ich ge­fehlt?

Für alle Juden beginnt ein neues Jahr. Gemeinsam blicken sie zurück. Wir. Haben wir als Gemeinschaft, als Gottes Volk, haben wir die Gebote befolgt? Haben wir uns von Gott zum Leben weisen lassen? Haben wir gehört?

Das Neujahrsfest der Christen gehört zur Weihnachtszeit. Nicht in der Hauptstadt, in Bethlehem, einer kleinen Stadt kam der neugeborene König der Juden kam zur Welt. Er wurde nicht erwartet. Gott geht den Menschen nach, in jede ihrer Irrungen und Wirrungen. Fern von Ihm ist Er uns nah.

Zehn Tage der Umkehr. Aus der Ferne hin zu Gott. Die Juden erkennen: Wir haben uns entfernt. Gott aber bahnte einen Weg für uns. Am Versöhnungstag bekennen sie Gott, was sie zuvor erkannten.

In vielen Gebeten, in strengem Fasten, einen ganzen Tag lang, vom Vorabend bis zum Abend sind sie in der Synagoge. Die ist weiß ge­schmückt. Wie unsere Kirche heute.

Gestern ließ ein Paar sich trauen. Von ihnen sind die Blumen. Dank und Freude spricht aus ihnen.

In der Synagoge ist mehr noch weiß. Der Vorhang vor dem Schrein, in dem die Tora geborgen ist. Der Man­tel, in den die Torarollen gehüllt sind. Die Menschen tragen weiße Kleider, weiß decken sie den Kopf. Wie eine Braut.

Menschen bekennen ihre Schuld und gehen gemeinsam den Weg, den Gott ihnen gebahnt hat. Hin zu ihm, gemeinsam, aufeinander zu.

Ein Wort von Martin Buber:

Die große Schuld des Menschen

sind nicht die Sünden,

die er begeht –

Die Versuchung ist groß

und seine Kraft ist klein.

Die große Schuld des Menschen ist,

dass er in jedem Augenblick

umkehren kann

und es nicht tut.

Lied Evangelisches Gesangbuch 237, 1 – 3 Und suchst Du meine Sünde

Lesung Jesaja 58, 1–9a (Zürcher Übersetzung)

1          Rufe aus voller Kehle,

            halte dich nicht zurück!

            Einem Schofar gleich erhebe deine Stimme,

            und verkünde meinem Volk sein Vergehen

            und dem Haus Jakobs seine Sünden!

2          Tag für Tag suchen sie mich

            und es gefällt ihnen,

            meine Wege zu erkennen.

            Wie eine Nation, die Gerechtigkeit übt

            und das Recht ihres Gottes nicht verlassen hat,

            fragen sie mich nach den Satzungen der Gerechtigkeit,

            es gefällt ihnen, wenn Gott sich nähert.

3          Warum haben wir gefastet,

                        und du hast es nicht gesehen,

            haben wir uns gedemütigt,

                        und du weißt nichts davon?

            Seht,

            an eurem Fastentag geht ihr anderen Dingen nach

            und alle eure Arbeiter treibt ihr an.

4          Seht,

            ihr fastet so,

            dass es zu Streit kommt und Zank

            und dass man zuschlägt mit der Faust des Unrechts.

            Ihr fastet heute nicht so,

            dass ihr eure Stimme in der Höhe zu Gehör bringt.

5          Soll das ein Fasten sein,

            wie ich es will:

            Ein Tag, an dem der Mensch sich demütigt?

            Soll man seinen Kopf hängen lassen wie die Binse

            und sich in Sack und Asche betten?

            Soll man das ein Fasten nennen

            und einen Tag, der dem Herrn wohlgefällt?

6          Ist nicht dies ein Fasten,

            wie ich es will:

            Ungerechte Fesseln öffnen,

            die Stricke der Jochstange lösen

            und Misshandelte freilassen

            und dass ihr jedes Joch zerbrecht?

7          Bedeutet es nicht,

            dem Hungrigen dein Brot zu brechen

            und dass du Arme, Obdachlose ins Haus bringst?

            Wenn du einen Nackten siehst,

            dann bedeck ihn,

            und deinen Brüdern sollst du dich nicht entziehen!

8          Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot,

            und rasch wird deine Heilung gedeihen,

            vor dir her zieht deine Gerechtigkeit,

            und deine Nachhut ist die Herrlichkeit des Herrn.

9a         Dann wirst du rufen,

            und der Herr wird antworten.

Ansprache 2: Geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder

Als der Jesus auf Erden lebte, da stand noch der Tempel. Da wurde Jom Kip­pur anders gefeiert als heute in der Synagoge. Da wur­den zwei Böcke geopfert.

Der eine Bock wurde geopfert, um den Tem­pel zu reinigen. Kamen doch Tag für Tag Men­schen mit ihren Lasten, mit ihrer Schuld, der Schuld des Volkes zum Tempel. Der eine Bock wurde ge­schlachtet. Der Hohepriester ging dann in das Allerheiligste des Tempels. Dort stand die Bun­deslade. Er besprengte sie mit dem Blut des Opfertieres.

Nur einmal im Jahr, an Jom Kippur, durf­te ein Mensch in diesen innersten Raum. Die Lade barg die beiden Tafeln, Gott selbst hatte sie auf dem Berg Sinai mit den Zehn Geboten beschrieben.

Das andere Opfertier nennen wir Christen Sündenbock und verstehen es gleich falsch. Wenn wir andere Men­schen, es sind immer andere, zum Sün­denbock machen, legen wir ihnen unsere Schu­ld auf, um von uns und unserer Schuld abzulenken, um von ihr nicht reden zu müssen als dem, was sie ist: Unsere Schuld.

Wir Chris­ten haben das mit vielen Menschen so gemacht und tun es heute noch. Wir Christen haben es mit dem Volk der Juden so gemacht. Allein: So wird Schuld nur vermehrt und kommt nicht aus der Welt. Es wird nur immer schlimmer.

Als 1973 in Israel das Leben still stand, es war Jom Kippur, der 6. Oktober, griffen die arabischen Völker zu den Waffen und Israel an. Der Krieg ist nun nach diesem Fest benannt.

Vor zwei Jahren wollte ein deut­scher Mann in Halle an der Saale die jüdische Gemeinde auslöschen. Es war der 9. Oktober. Es war Jom Kip­pur. Sie waren versammelt in der Synagoge, fasteten und beteten. Die Türe zur Syn­agoge hielt Stand. Gott sei Dank.

Immer noch wird Israel, werden die Juden zum Sündenbock gemacht.

Doch mit dem Sündenbock im Tempel in Jerusalem war es anders. Die Priester bekannten mit lauter Stimme die eigenen Sünden, die Sünden des Volkes. Die Schuld wird be­nannt. Die Gläubigen bekennen gemeinsam, dass sie selbst die Tora nicht be­folgt, die Weisung Gottes verfehlt haben. Es wird laut: Ich bins, wir sind’s gewesen. Laut bekannt im Angesicht Got­tes, vor den Ohren aller.

So werden die Sünden auf das Tier gelegt. Der Bock wird nicht getötet. Er wird in die Wüste getrieben. Er soll die Sünden wegtragen, weit weg in die Wüste.

Am Nachmittag des Versöhnungstages wird in der Synagoge dann das Buch Jona gelesen. Das ist der Prophet, der nicht hören und reden woll­te. Der übers Meer floh und im Wal­fisch über­lebte, bis der ihn nach drei Tagen ans Land spie, damit er endlich tut, was Gottes Wille ist.

Jona glaubte nicht. Er glaubte nicht, dass die Menschen in Niniveh umkehren würden. Zu ihnen zu sprechen, hielt er für zwecklos. Viel zu verstockt seien die Menschen dort. Als dann nach der Geschichte mit dem Fisch Jonas doch nach Niniveh ging und seine Predigt ihr Ziel erreichte, als sie umkehrten und bei Gott Gnade fanden, da haderte Jona an Gottes Gerechtigkeit. Sie hatten gesündigt. Das muss­te doch bestraft werden. Auch wenn die Men­schen umkehrten und zu Gott sich wandten: Strafe muss sein.

Gott will beides, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Ohne Gerechtigkeit würde die Welt versinken in Egoismus und Chaos. Ohne Barmherzigkeit würden die Menschen verzweifeln unter ihrer Schuld. Wir sind verantwortlich für alles, was wir tun und lassen. Doch Gott lässt uns nicht allein. Er schenkt uns einen neuen Anfang.

Orgelmusik

2. Satz Adagio

Ansprache 3: Brich dem Hungrigen dein Brot

­Am Abend des Jom Kippur, zu Beginn des letzten der vielen Gottesdienste an diesem Festtag, wird der Schofar geblasen.

Der Schofar ist uralt. Ein Widderhorn. Womit wir wieder bei den beiden Böcken aus dem Tempel wären. Kein Musikinstrument wird in der Bibel so oft genannt, wie der Schofar. Er ist das einzige Musikinstrument aus der Antike, das überlebt hat. Noch heute wird es in der Synagoge geblasen. Urtümlich hört es sich an.

Erst am Abend des Jomp Kippur wird der Schofar geblasen. Ein Zei­chen der Freude. Versöhnung ist ge­schenkt mit Gott, mit den anderen­ Menschen, mit mir selbst.

„Anbeißen“ heißt das Essen, wenn dann die Sonne untergegangen ist. Leichte Speisen kommen auf den Tisch. Denn Fasten sollte nicht mit schwe­rem Essen gebrochen werden.

Essen schmeckt erst gemeinsam rich­tig. Darum holt man andere hinzu. Versöhnung ist nichts für mich allein. Versöhnung verbindet.

Der Prophet mahnt. Was ist ein rech­tes Fasten? Brich mit dem Hung­rigen dein Brot. Bedrücke nicht deinen Bruder. Gib Raum zum Leben. Hilf zum Leben. Mache es den anderen leicht.

Im Abendmahl haben wir Christen lange Zeiten zu eng gedacht. Meine Schuld. Mein Gott. Es ist mehr. Wir feiern es als Gemeinde, als Teil der Welt. Gott will Gemeinschaft heilen. Die Welt will er erhalten. Auch durch uns, durch das, was wir Menschen tun und lassen. Gott ist barmherzig. In Jesus schenkt er uns Versöhnung. In ihm ruft er uns in der Dienst der Versöhnung. So lange haben wir uns im Abendmahl abgesondert. Dabei will Jesus mit seinem Mahl uns öffnen und verbinden. Wenn wir das an uns geschehen lassen, wird es tief uns ergreifen. In unserer Schwachheit werden wir seine Kraft, das Leben spüren. Es drängt nach vorne.

Manche Juden fangen am Tag nach dem Versöhnungsfest damit an, das näch­ste Fest vorzubereiten. Es ist das Laub­hüttenfest. Sie beginnen, Hütten zu bauen. Gott will, dass das Leben weiter geht. Er wartet auf uns. Amen.

Lied Evangelisches Gesangbuch 223, 1 – 4: Das Wort geht von dem Vater aus

Gebet

Ewiger Gott,
Schöpfer der Welt.
Danke für deine Geduld mit den Menschen.
Du willst, dass die Welt heil wird.
Wir Menschen haben nur uns im Sinn
und bringen so viel durcheinander.
Komm zu uns,
immer wieder.
Hole uns zurück
und lass uns deine Weisung hören
Erbarme dich.

Für unsere Toten.

            Erbarme dich.

Für alle Familien. Für alle Paare.

            Erbarme dich.

Für unser Land. Für unsere Stadt.
Bei allem Streit im Wahlkampf gib Versöhnung.

            Erbarme dich.

Für dein ersterwähltes Volk, das sich immer wieder kehrt zu dir.
Gib Frieden im Heiligen Land und im Nahen Osten.

            Erbarme dich.

Für alle, die den Weg der Gewalt wählen.
Lass ihre Pläne nicht zum Ziel kommen.
Rühre ihre Herzen an,
dass sie sich abkehren von der Gewalt
und den Weg des Lebens suchen.

            Erbarme dich.

Für die Menschen in den armen Ländern.
Dass sie Hilfe erhalten gegen die Seuche.
Lass uns mit ihnen teilen.

            Erbarme dich.

Für die Einsamen.
Die sich einspinnen in ihren Gedanken.
Dass andere ihnen Nächste werden,
sie ansehen und ihnen zusprechen.

            Erbarme dich.

Für die Kranken.
Dass sie Heilung und Linderung finden.

            Erbarme dich.

Für die Sterbenden.
Dass sie in Frieden den letzten Weg gehen können.

            Erbarme dich.

Stilles Gebet und Vater Unser

Segen

Orgelmusik zum Schluss:

3. Satz Andante. Recitativo

4. Satz Allegro vivace assai