Verbunden im Gedenken

Tisch ba Av beziehungsweise Israelsonntag

Predigt von Pfarrer Eckhard Sckell am 15. August 2021

Liebe Gemeinde,

Jerusalem, das ist eine ganz besondere Stadt. Wer einmal in seinem Leben da war, wird sie immer in Erinnerung behalten. Ich war damals 22 Jahre alt, Student, hatte gerade meine Prüfung in Hebräisch abgelegt und hatte die Gelegenheit mit der Jugendgruppe meiner Kirchengemeinde nach Israel zu fahren.

Ich war beeindruckt. Die Menschen in den engen Gassen der Altstadt, die Geschichte der Stadt, deren Spuren man überall sieht, für Juden, Christen und Muslime ist die Stadt heilig, das Zentrum, der Tempelberg, die Klagemauer.

Ja, vor allem die Klagemauer. Es ist ein Ort, an dem jüdische Geschichte sich verdichtet wie kaum anderswo, und die Steine zu sprechen scheinen. Es sind nicht nur Klagen, die die Mauer hört und sieht, Tag für Tag. Viele Juden kommen auch mit anderen Anliegen hierher: Sie kommen, um zu danken und zu bitten, um ihre aufgeschriebenen Gebete in die Mauerritzen zu stecken. Nichts soll vergessen sein.

Die alte Westwand des Tempels ist ein heiliger Ort, eine der wichtigsten Stätten des Judentums, Sinnbild für Gottes Treue zu seinem Volk – eine Treue, die Bestand hat, allen Zerstörungen zum Trotz. Die Ruine auf dem Tempelberg steht auf ihre ganz eigene Weise für die Geschichte und die Tragödie eines besonderen Volkes. Und für die Sehnsucht nach einem Ort, der Frieden verspricht – Schalom.

Ich lese aus dem Buch des Propheten Jesaja. Geschrieben in einer Zeit, in der der Tempel zum ersten Mal bereits zerstört war. Sehnsuchtsort:

2Zu der Zeit wird es heißen: Lieblicher Weinberg, singet von ihm! 3Ich, der Herr, behüte ihn und begieße ihn immer wieder. Damit man ihn nicht verderbe, will ich ihn Tag und Nacht behüten. 4Ich zürne nicht. Sollten aber Disteln und Dornen aufschießen, so wollte ich über sie herfallen und sie alle miteinander anstecken, 5es sei denn, sie suchen Zuflucht bei mir und machen Frieden mit mir, ja, Frieden mit mir. 6Es wird einst dazu kommen, dass Jakob wurzeln und Israel blühen und grünen wird, dass sie den Erdkreis mit Früchten erfüllen.

7Hat er Israel geschlagen, wie er seine Feinde schlägt? Oder hat er es getötet, wie er seine Feinde tötet? 8Vielmehr, indem du es wegschicktest und wegführtest, hast du es gerichtet, es verscheucht mit rauem Sturm am Tage des Ostwinds. 9Darum wird die Schuld Jakobs dadurch gesühnt werden, und das wird die Frucht davon sein, dass seine Sünde weggenommen wird: Er wird alle Altarsteine zerstoßenen Kalksteinen gleichmachen; und keine Bilder der Aschera noch Räucheraltäre werden mehr bleiben.

Aus den Worten des Propheten Jesaja spricht eine große Sehnsucht. Dass doch Frieden werde. Dass das Volk Israel doch endlich wieder Frieden findet mit sich selbst, mit seinen Nachbarn, mit Gott.

Und dass sich diese Sehnsucht erfüllt, hat einen tiefen Grund. Ja! Gott hat es versprochen! Wie ein Weingärtner hegt und pflegt er seinen Weinberg. Der Garten wird grünen und blühen und er wird Früchte bringen. Hoffnung auf Wohlstand und Frieden.

Ein Neuanfang, nachdem sich das Volk Israel von Gott abgewandt hatte und alles verloren hat. Jetzt wird alles neu, wenn das Volk Israel sich von Gott daran erinnert lässt, dass er ihr Weingärtner ist. Wenn es sich abwendet von Aschera und all den anderen Göttern, die ja eigentlich gar keine Götter sind. Wenn es sich Gott wieder zuwendet.

Ein inniges Verhältnis zwischen Gott und seinem auserwählten Volk. Ein Verhältnis, dass einerseits fest verankert ist, dass sich aber gleichzeitig auch immer wieder neu bewähren muss. Wie in jeder anderen Beziehung auch. Wo es große Zuneigung gibt, Verbundenheit und Treue, aber auch sich Abwenden, Eifersucht, Schuld und Trauer. Und wo es ein Ringen umeinander gibt, Neuanfänge, Versöhnung. Das ist die Geschichte zwischen Gott und Israel.

Und wir? Liebe Gemeinde, was ist mit uns? Wir sind keine Juden. Wir gehören nicht zum Volk Israel. Und doch betrachten wir nicht einfach nur. Wir sind Teil. Wir gehören dazu. Weil unser Glauben als Christen von Anfang an und in seiner ganzen Tiefe mit dem Glauben der Juden verbunden ist. Als Christen sind wir Geschwister der Juden im Glauben. Was sie tun, was ihnen widerfährt, geht uns an, berührt uns, hat etwas mit uns selbst zu tun.

Als ich damals in Israel war, wohnten wir eine Woche lang in Neve Schalom, einer kleinen Siedlung auf halbem Weg zwischen Tel Aviv und Jerusalem, genau an der Grenze zwischen Israel und besetztem Gebiet. Eine Siedlung, in der Israelis und Palästinenser friedlich zusammen leben, Juden, Christen und Muslime. Ein Ort, für den sich die Menschen bewusst entschieden haben. Sie wollen ein Zeichen setzen für den Frieden im Land. Frieden ist möglich. Deshalb der Name: Neve Schalom – Oase des Friedens!

So stelle ich mir den Weinberg vor, den Gott hegt und pflegt. Da gehören aber eben auch Menschen dazu, die bereit sind, diesen Garten mit Leben zu erfüllen und sich für den Frieden einzusetzen.

In Israel wachsen nicht nur Weinstöcke, sondern auch Mandelbäume. Davon erzählt das Lied „Freunde dass der Mandelzweig“. Der Dichter Schalom Ben-Chorin hat uns dieses Lied vermacht. 1913 wird er als Fritz Rosenthal in München geboren und zu Beginn der NS-Herrschaft mehrfach verhaftet. 1935 flieht er nach Jerusalem und lebt dort bis zu seinem Tod 1999. Der Schmerz über die verlorene Heimat führt bei ihm nicht zur Verbitterung, im Gegenteil: Er wird zum Brückenbauer. Die Verständigung zwischen Juden und Christen ist sein Lebensthema. Den Namen Schalom Ben-Chorin gibt er sich selbst: Frieden, Sohn der Freiheit, heißt er übersetzt.

Und so geht das Lied: „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt? Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit. Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht. Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.“

Es ist im Jahr 1942, als Schalom Ben-Chorin diese Verse schreibt. Er weiß, was in Europa mit den Juden geschieht, er kennt die Schrecken des Krieges, das Leid, die Toten. Und dann blickt er auf den Mandelbaum hinter seinem Haus: Der Mandelbaum, der schon vor dem Frühling blüht, dann, wenn alles um ihn herum noch kahl ist und kalt. Später einmal wurde dieser Mandelbaum umgehauen, Platten wurden in den Hof gelegt. Aber, so erzählt Schalom Ben-Chorin, die Wurzeln des Baumes haben es geschafft, sich wieder einen Weg durch die Steine zu bahnen. Was für ein Zeichen.

Wer von Tel Aviv an Neve Schalom vorbeikommt auf dem Weg nach Jerusalem, sieht sie die Wege säumen: die weißen und rosafarbenen Blüten der Mandelbäume. Zeichen der Hoffnung auf einen Neuanfang, auf Versöhnung, auf Frieden.