Auszeit für alle

Schabbat beziehungsweise Sonntag

von Pfarrerin Ines Fetzer, gehalten am 18. Juli 2021

Lesung 2. Mose 20,8-11

Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. 9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. 10 Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. 11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.

Lied EGPlus 40 Ich will auf das Leise hören

Meditation

Ruhe – endlich Ruhe

Keine Hektik, keine Termine, niemand der mich drängt.

Stille: ein Moment, wo alles leise ist, kein Lärm, kein Geschrei, kein Maschinengeheul

Was höre ich noch? Ein zartes Rauschen vielleicht, Vogelzwitscher, der Wind in den Bäumen, den eigenen Atem.

Ruhe – ein Gottesgeschenk, die Vollendung der Schöpfung

Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er gemacht hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte.

Ein Rhythmus ist geschaffen, ein besonderer Tag

Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn

Gott ruht, alles ruht, das Leise kommt zum Vorschein

Darauf wollen wir hören und diesmal summen wir mit…

Lied EGPlus 40 Ich will auf das Leise hören

Predigt

Liebe Gemeinde,

Schabbat schalom, lautet die Begrüßung zum Beginn des Sabbats am Freitagabend. Man begrüßt sich gegenseitig und man begrüßt den besonderen Tag, der nun beginnt. Denn der Schabbat ist im jüdischen Glauben heilig: ein abgesonderter, hervorgehobener Tag. Der Schabbat kehrt zwar seit der Schöpfung alle sieben Tage wieder, aber er geschieht nicht von selbst. Er kann unbemerkt vorübergehen, wenn er nicht aktiv von uns Menschen geheiligt wird. Darum gibt es viele Rituale und Bräuche, die diesen Tag von anderen unterscheiden.

Der Schabbat ist kaum denkbar ohne die festlichen Mahlzeiten im Kreis von Familie und Freunden, eingeleitet von Segenssprüchen über Kerzen, Wein und zwei geflochtenen Brotzöpfen. Die Gebete und Lieder in der Synagoge preisen Gottes Schöpfungswerk, im Morgengottesdienst steht die Lesung des Wochenabschnitts der Torah im Zentrum. Diese aktiven Phasen des Schabbats wechseln ab mit Zeiten der Ruhe und des Kraftschöpfens, bis dann am Samstagabend mit der Hawdalah-Zeremonie, dem Segen über Wein, Licht und Gewürze, die Rückkehr in den Alltag erfolgt.
Im Mittelpunkt des Schabbat steht das Gebot der Ruhe.  Die Geschäftigkeit des Alltags soll pausieren, nichts Neues, Schöpferisches soll begonnen werden, damit man sich an diesem Tag anderen Dingen widmen kann, für die sonst wenig Zeit bleibt: Familie, Freunde, Torahstudium, Gottesdienst und Geselligkeit in der Synagoge, Ausruhen und Auftanken. Schabbat meint nicht untätiges Herumsitzen, sondern aktives Streben nach anderen Dimensionen unseres Seins. 
Natürlich gibt es auch im Judentum Diskussionen darüber, was es heißt den Schabbat zu heiligen, was man an diesem Tag tun darf und was nicht. Das erinnert an die Debatten um den Sonntag und die Frage wie wir Christen mit diesem Tag umgehen bzw wie es die Menschen, die in Deutschland leben und längst nicht alle religiös sind insgesamt tun können. Was sollte am Sonntag möglich sein, was nicht? Geöffnete  Geschäfte, Waschanlagen, Fabriken? Sport und Tanz? Heimwerken und Rasenmähen? Die Wünsche und Bedürfnisse sind verschieden.

Doch eins gilt für alle: wir brauchen die Unterbrechung des Alltags, regelmäßige Gelegenheiten aus dem Hamsterrad auszusteigen. Im 5. Buch Mose, wo die zehn Gebote noch einmal aufgeschrieben sind, wird als Grund für die Feiertagsheiligung nicht genannt, dass auch Gott ruhte, sondern dass sich die Israeliten daran erinnern sollen, dass sie einmal Sklaven in Ägypten waren, wo diese Regelung nicht galt und die Schinderei tagaus tagein die Menschen versklavte. Dahin will niemand zurück und darum soll die Ruhe für alle gelten. So entsteht Freiheit für die Menschen.

Wir Christen haben dieses Feiertagsgebot übernommen. Zunächst wurde der Sabbat gefeiert und am Tag danach der Tag des Herrn begangen zur Erinnerung an die Auferstehung Jesu. Der Tag des Herrn, der Sonntag wurde zum Tag des Gottesdienstes und zum Tag der Ruhe in der christlichen Welt und auch hier haben sich verschiedenste Riten und Bräuche gebildet, um diesen Tag von den anderen Tagen der Woche zu unterscheiden. Die Aufforderung „Du sollst den Feiertag heiligen“ als Teil der 10 Gebote wurde nicht nur auswendig gelernt, sondern auch eingehalten.

Heute ist es schwerer geworden, den Feiertag zu heiligen. Zu viele Einflüsse wirken darauf ein: Freizeit- und Sportprogramm am Wochenende, Arbeitsbedingungen die Erreichbarkeit rund um die Uhr ermöglichen, verschiedene Kulturen und Ansichten darüber, wie ein solcher Tag zu begehen sei. Ein einheitliches Verhalten wird – wie in anderen Lebensbereichen auch – nicht zu erreichen sein. Es ist gut, dass dieser Tag weiterhin unter einem gewissen gesetzlichen Schutz liegt und es liegt an uns, ihn so zu füllen wie es guttut.

Denn wie auch immer wir den Sonntag gestalten, wir brauchen die heilsame Unterbrechung, wenn wir uns nicht verlieren wollen, im Allerlei des Alltags, der digitalen Impulse, der Ansprüche, die andere und wir selbst an uns stellen. Der Sonntag gibt uns dazu nach wie vor eine besondere Chance. Er eignet sich wie kein anderer um ihn anders zu begehen, zur Ruhe zu kommen zum Beispiel im Gottesdienst, die Verpflichtungen hinter sich zu lassen, die Gedanken kommen und gehen zu lassen, andere Impulse wahrzunehmen als sonst. Nicht nur der Gottesdienst, auch ein Spaziergang, sich vertiefen im Spiel oder sonstige zweckfreie Dinge können dazu beitragen wieder mehr Tiefe zu gewinnen und den Geist Gottes wirken zu lassen. Vielleicht lässt sich der Tag nicht völlig freihalten von Verpflichtungen, doch auch kleinere Zeitinseln können hilfreich sein.

Gott hat den Ruhetag geschaffen als ein Geschenk an uns wie all die anderen guten Gaben auch, die er gemacht hat. Er hat uns die Chance gegeben sie zum Wohl für uns zu nutzen. Es ist an uns, sorgsam damit umzugehen. Amen.