Spirit, der bewegt

Schawuot beziehungsweise Pfingsten

von Pfarrer Dr. Martin Streck vom 23. Mai 2021

Einführung

Die Lesung zum Pfingstfest aus der Abschiedsrede Jesu zu seinen Jüngern Johannesevangelium 14, 15–17. 21. 23. 26f.

15          Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.

16          Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen zum Fürsprecher geben, der für immer bei euch bleiben soll:

17          den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht erkennt; ihr erkennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.

21          Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt. Wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

23          Wer mich liebt, wird mein Wort bewahren, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und uns bei ihm eine Bleibe schaffen.

26          Der Fürsprecher aber, der heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

27          Frieden lasse ich euch zurück, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden, wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht!

Ansprache über 2. Mose 19, 1. 2c–6a. 20; 20, 1–17

Liebe Gemeinde,

Gottes Geist, der uns ergriffen hat, den feiern wir. Heute an Pfingsten. Zwei Tage lang. Wie Ostern und Weihnachten. Ein Großes muss es also sein. Doch was feiern wir konkret an Pfingsten? Der Geist wird ausgegossen über Jesu Jünger. Fünfzig Tage nach seiner Auferstehung.

Doch was ist das, der Geist? Kaum zu greifen! Weihnachten haben wir das Kind in der Krippe, zu Ostern das leere Grab, den auferstandenen Herrn. Doch Pfingsten? Da haben wir keine Bräuche, keinen Tannenbaum und keine Osterhasen. Den Pfingstochsen habe ich noch nie gesehen, er steht wohl lieber im Stall von Bethlehem und gibt dem Kind die Krippe frei. Was also feiern wir? Den Geist? Wer ist das? Wie schaut er aus?

Ich will einen Weg mit Euch gehen, keinen Umweg, auch wenn ich weit aushole, sondern den Weg, den Gott gegangen ist. Also beginnen wir dort, wo Gott sich sein Volk gesammelt hat, die Kirche Alten Bundes. Lasst uns hören auf das 2. Buch Mose, in den Kapiteln 19 und 20. Ich lese:

1             Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai,

2c           und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.

3             Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen:

4             Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und wie ich euch zu mir gebracht habe.

5             Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.

6a          Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.

20          Als nun der HERR herniedergekommen war auf den Berg Sinai, oben auf seinem Gipfel, berief er Mose hinauf auf den Gipfel des Berges, und Mose stieg hinauf.

1             Und Gott redete alle diese Worte:

2             Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

3             Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

4             Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden,noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist:

5             Bete sie nicht an und diene ihnen nicht. Denn ich,  der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kinderen derer, die mich hassen,

6             aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

7             Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen, denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

8             Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst.

9             Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun.

10          Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gotttes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.

11          Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.

12          Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebst in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.

13          Du sollst nicht töten.

14          Du sollst nicht ehebrechen.

15          Du sollst nicht stehlen.

16          Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

17          Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel, noch alles, was dein Nächster hat.

Liebe Gemeinde,

wieder war ein Fest in Jerusalem als auf Jesu Jünger der Geist herniederkam. 50 Tage nach Ostern war Scha¬wuot, das Wochenfest. Wie Pessach war auch Schawuot ein Erntefest. Pessach wurde belegt mit der Erinnerung an den Auszug aus Ägyp¬ten. 50 Tage nach dem Auszug stand das Volk Israel, die entronnenen Sklaven, von Gott heraus- und in die Wüste geführt am Fuß des Berges Sinai. Und Gott sprach vom Berg herab, verborgen in Wolken und Rauch. Nur Mose durfte auf die Spitze des Berges. Von dort brachte er die Gebote, das Gesetz. Weisung, sagen die Juden. Tora in ihrer Sprache, der Sprache Jesu.

Würden wir das Gesetz feiern? Das Auge des Gesetzes nennen wir den Polizisten. Er soll uns schützen, gewiss, aber ja nicht aufschreiben. Wenn wir mit dem Gesetz in Konflikt treten, soll er besser wegsehen.

Für die Juden aber ist es ein Grund zu feiern, dass Gott ihnen das Gesetz gegeben hat. Ich bin der Herr dein Gott. So beginnt es. Und dann kommen die zehn Gebote: Du sollst. sollst nicht. Und noch viel mehr Gebote. 611 an der Zahl. Die Tora an Schawuot wird feierlich vorgelesen. Mit Musik und Tanz sogar. Sich über das Gesetz freuen?

Dabei sind die Juden müde an Schawuot. In der Nacht zuvor haben sie in der Synagoge miteinander die Tora studiert. Nicht allein, zumindest zu zweit haben sie gelesen und diskutiert, was die Gesetze bedeuten. Die ganze Tora ist voller Wunder. Darum mündete auch das Studium in der Nacht immer wieder in Musik und Tanz.

Für Schawuot wird die Synagoge geschmückt. Mit Blumen und grünen Zweigen. Das Gotteshaus soll explodieren vor Schmuck, denn wie ein Vulkan hat der Berg Sinai Licht und Glut von sich gegeben, als Gott auf ihm die Gebote verkündete.

Und dann braucht es Käsekuchen. Lacht ruhig! Gesetz und Geist wecken Freude. Die Tora ist den Juden süß. Angenehm und nahrhaft, wie Milch und Honig.

In unserem Land wird zur Zeit viel über Gesetze und Verordnungen gestritten. Sie sollen helfen, Leben zu bewahren, dass möglichst wenige Menschen krank werden oder gar der Krankheit erliegen.

Doch die Gesetze schränken uns ein. Ausgangssperre. Kinder und Ju¬gendliche durften nicht in die Schule. Keine Reisen.

Ist doch klar, dass das Widerspruch weckt! Wir wollen unsere Grundrechte ausüben. Um das Leben anderer zu schützen, um die Seuche einzudämmen, lassen wir uns einschränken im Gebrauch der Grundrechte. Aber spätestens wenn das Ziel erreicht ist, wollen wir ausüben, was unser Recht ist. Gesetze sollen dem Leben dienen, Lebensraum sichern. Das ist ihre Aufgabe. Gute, weise Gesetze sind ein Grund zur Freude.

Wie bekomme ich nun den Bogen von Schawuot und dem Gesetz zum Pfingstfest? Einfach ist es nicht. Aber mich wegstehlen an die Krippe von Bethlehem wie der Pfingstochs, das will ich nicht.

Ein Wort von Jesus wird mir helfen. Jesus war und ist doch Jude. Mensch ist er geworden, muht uns der Ochse von Bethlehem zu, jüdischer Mensch. Er bleibt es und wird als solcher wiederkommen am Ende der Tage.

Aber nun: Welches Wort von Jesus wird mir in den Bogen helfen? „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“

Wie lautet das erste Gebot vom Sinai? „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ Manche Rabbinen meinen, die ganze Tora liege in dem ersten Gebot, in dem ersten Wort dieses Gebots, ja dem ersten Buchstaben des ersten Wortes beschlossen. Also in dem Ich. In einem Buchstaben, den man nicht hören kann, wenn er allein bleibt. Die Juden schreiben diesen Buchstaben, obwohl man ihn allein nicht hören kann.

Wir Menschen haben zwei Stimmbänder. Zwischen ihnen die Stimmritze. Da geht Luft durch, wenn wir sprechen, da schwingen die Stimmbänder, wenn wir hoffentlich bald wieder singen. Bevor ich Ich, bevor ich I sagen kann, muss ich die Stimm¬ritze öffnen. Dieses Öffnen ist das Aleph, der erste Buchstabe im AlephBeth¬Gimel der Juden.

Gott fängt an, sagt Ich, einen Buchstaben, den man nicht hören kann, wenn er allein bleibt. Doch er bleibt nicht allein. Gott zeigt sich und zugleich wendet er sich mit seinem Ich an alle, die es hören: Du. Du, heiliges Volk Israel. Du, Apo-stelschar in Jerusalem, Du Kirchengemeinde in Dörnigheim. Ich und Du, das geht

hin und her, immer mehr, bis es ein Wir wird, in Liebe verbunden.

„Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“

Ja, aus der Liebe heraus freut Euch der Gebote, des Gesetzes. Und wenn ihr Euch über das Gesetz freut, werdet ihr es halten können, mit Einsicht und mit Freude. Denn der Geist der Liebe wird euch treiben. Gott hat ihn reichlich ausgegossen.

Das wird uns helfen, uns wegen der Gebote und Verordnungen mit anderen nicht zu überwerfen, in ihnen, in ihrem Widerspruch gebrochen wie in den Geboten Gottes die Liebe zum Leben zu erkennen.

Also studiert die Gebote und Gesetze, erkennt die Wunder, die Gott darin getan. Vergesst auch nicht, zu suchen und zu fragen nach dem Geist, der die Tora beseelt, durch Jesus, den Juden aus dem Stamm Davids, den Gesalbten Gottes.

Amen.