Wir trinken auf das Leben -

Purim beziehungsweise Karneval

von Pfarrer Dr. Martin Streck vom 28. Februar 2021

Einführung

Gott spricht: So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich grüße Sie und Euch mit diesem Wort. Es ist die Tageslosung für den heutigen Tag. Eine Losung. In einer frommen Lotterie gelost. Gibt es das, eine fromme Lotterie? Vorgestern und den Abend zuvor, am 25. und 26. Februar, feierten die Juden Purim. Purim heißt Lose. Ein fröhliches, ja ein verrücktes Fest. Wie unser Karneval. Mit einem Unterschied: Man geht im Kostüm zur Synagoge. Kein Wort der Trauer dort. Hinterher wird getrunken, Wein, natürlich Wein. Bis man Fluch und Segen nicht mehr unterscheiden kann. Man bringt Grägger mit in die Synagoge. Um Krach zu machen. Weil Gott sein Volk errettet hat. Weil Gott böse Herrscher gestürzt hat. Weil Gott es wieder tun wird.

Erzählung Esther - Teil 1

Es war in Persien zur Zeit des Königs Achaschwerosch. Sein Reich war groß, von Indien bis Oberägypten. 127 Provinzen. In seiner Hauptstadt Susa machte Achaschwerosch ein Festmahl für seine Fürsten, am Tag danach ein Festmahl für das Volk. Man konnte trinken und essen, soviel man wollte. Alle waren glücklich und froh. Da wollte König Achaschwerosch, dass die Königen Waschti kommt. Aber sie wollte nicht. Das ärgerte ihn. Er setzte die Königin Waschti ab. Denn wenn das alle Frauen täten, der Mann ruft und sie kommt nicht! So ganz ohne Königin war Achaschwerosch bald einsam. Er wurde traurig. Da riet man dem König: man solle die schönsten Jungfrauen aus dem ganzen Reich ins Frauenhaus des Königs holen, dort sollen sie sich und ihre Schönheit ein Jahr lang pflegen und dann zum König kommen. Die dem König gefällt, die soll Königin werden. Achaschwerosch gefiel der Rat, und es geschah so. In Susa war ein Jude namens Mordechai. Bei ihm lebte Esther. Sie war mit ihm verwandt, hatte aber Vater und Mutter verloren. Mordechaj hatte sie angenommen als seine Pflegetochter. Sie war schön. So kam auch Esther in den Palast des Königs. Doch Mordechaj hatte ihr gesagt: Verrate niemandem, vom welchem Volk du bist. Nach einem Jahr kam Esther zum König. Sie gefiel ihm und wurde seine Frau. Er machte ein großes Festmahl und war so glücklich, dass er in dieser Zeit sogar auf die Steuern verzichtete. Nun hörte Mordechaj, dass zwei Kammerdiener den König töten wollten. Er sagte es Esther. Die sagte es dem König. Man prüfte die Angelegenheit. Es war so. Die beiden Kammerdiener wurden gehängt. Und weil es um des Königs Leben ging, schrieb man es in die Chronik. Jetzt kommt ein Mann ins Spiel, er hieß Haman. Er strebte nach Macht. Er war geschickt. Bald machte der König ihn zum zweiten Mann im Staat. Das stieg dem Haman W in den Kopf. Jeder Mann musste vor ihm das Knie beugen. Doch einer ging vor Haman  nicht auf die Kniee: Mordechaj. Haman W wusste, Mordechaj ist ein Jude. Seitdem wollte Haman W den Mordechaj töten, aber nicht nur ihn, sondern das ganze Volk der Juden. Haman  ging zum König. Sie warfen das Los, Purim, an welchem Tag es geschehen soll: Am dreizehnten Tag des Monats Adar. Der König war einverstanden, er gab Haman seinen Ring und mit dem Ring alle Vollmacht, dazu viel Geld, die Räuber und Mörder zu belohnen. Der war nun der zweite Mann im Reich des Königs Achschwerosch. Doch dass Mordechaj vor ihm die Knie nicht beugte, das ertrug er nicht. Da ließ er einen Galgen bauen, 15 Meter hoch. Morgen soll Mordechaj sterben! 

Erzählung Esther - Teil 2

Wo waren wir stehen geblieben in der Geschichte von Esther? Als es so schlimm stand um die Juden, als schon der Galgen auf Mordechaj am nächsten Tag wartete. In der Nacht schlief König Achaschwerosch schlecht. Um böse Gedanken zu vertreiben, ließ er sich vorlesen, die Chronik. Da hörte er, wie Mordechaj ihn einst gerettet hatte. Er hatte verraten hatte, dass zwei Kammerdiener den König töten wollten. Der König fragte: Was hat Mordechaj als Dank dafür bekommen? Nichts, war die Antwort. Der König ließ Haman rufen und fragte ihn, was er als König einem Mann tun soll, den er ehren will. Der sprach: Kleider des Königs soll man ihm anziehen, ihn auf einem Pferd durch die Stadt führen und laut rufen: So tut man dem Mann, dem der König Ehre erweisen will. Der König war erfreut und sagte zu Haman: Schnell, so sollst Du mit Mordechaj, dem Juden, tun. Haman tat, was der König befohlen hatte. Er war geknickt. Dann eilte er zum Palast der Königin Esther. Sie hatte den König und Haman zum Essen geladen. Der König war glücklich und sagte Esther: Du kannst dir wünschen, was du willst, bis zur Hälfte meines Königreichs! Esther bat für ihr Volk. Wir sind verkauft, ich und mein Volk, vertilgt, getötet und umgebracht sollen wir werden. Der König fragte: Wer will das tun? Esther sprach: „Der Feind und Widersacher ist dieser niederträchtige Haman!“ (7, 6a) Der erschrak, der König wurde zornig. Und seine Diener erzählten von dem Galgen, den Haman vor seinem Haus für Mordechaj hatte errichten lassen. Daran ließ ihn der König erhängen. Mordechaj aber wurde der zweite Mann nach dem König. Sofort ließ er im ganzen Reich durch ein Gesetz des Königs die Befehle Haman s widerrufen. Den Juden wurde erlaubt, sich zu wehren. Sie durften töten alle, die ihnen Leben und Besitz nehmen wollten. Für die Juden war Licht und Freude und Wonne und Ehre gekommen (8, 16). Seitdem feiern sie den Sieg über die Verfolger am Tag danach und machten den vierzehnten Tag des Monats Adar zum Tag des Festmahls und der Freude (9, 19).

Predigt

Liebe Gemeinde, ist das ein guter Schluss, ein Happy–end? Das liegt an zweierlei: welche Partei nehme ich ein und in welchem Zustand befinde ich mich. Erstens: Haman wird natürlich nicht froh gewesen sein. Finstere Gestalten scheuen das Licht. Die Juden aber sind dem Tod entrissen. Sie sind erlöst. Alle. Sollen sie sich da nicht freuen? Natürlich, auch die finsteren Gestalten sind Menschen. Aber sie kämpfen gegen das Leben. Und damit im letzten gegen sich selber. Zweitens: In welchem Zustand befinde ich mich? Also auf dem Fußballplatz auf der Tribüne, da bin ich doch Partei. Gut, Ihr wisst, ich bin nicht der Typ, der ins Stadion geht. Aber wenn wir an Purim denken, jeck und verrückt werden, könnt Ihr mir das doch einmal zugestehen und euch mit aller Phantasie vorstellen! Also im Fußballstadion neutral und objektiv und distanziert auf der Tribüne, das geht gar nicht. Da ist jede und jeder Partei. Ich freue ich mich, wenn meine Mannschaft gewinnt. Jetzt frage ich Euch, wo steht Ihr? Bei den Juden oder bei Haman?  Gott will, dass wir leben. Warum ist Jesus Chritus gekommen? Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet. Das ist doch ein Grund zu feiern, und zwar nicht nur ein bisschen! Die jüdischen Gelehrten sagen: An Purim muss jeder so viel Wein trinken, bis er nicht mehr unterscheiden kann zwischen ‚Verflucht sei Haman‘ W und ‚Gelobt sei Mordechai‘. Da kommt doch dieser Mann, der so weit nach oben greifen und dafür die Juden ins Verderben treten wollte und dann so tief gefallen ist, da kann dieser elende Mann doch noch im Rausch des Festes auftauchen und an den Rand der Gnade gelangen. Keinen Schluck darf man an Purim alleine trinken, so oft es geht, soll einer dem anderen zutrinken und sagen L chajim – Zum Leben. Was man an Purim und Karneval mit dem Wein gelernt, dürfen alle mit Wasser, Saft und Tee und Kaffee weitermachen: sich zuprosten, L chajim – Zum Leben sich wünschen. Miteinander und füreinander leben. Nicht gegeneinander. Dafür leben wir. Das glauben wir unserem Gott. Darum freuen wir uns, wenn Gott das Leben siegen lässt. Amen.