Im Anfang war das Wort - 

B'reschit beziehungsweise im Anfang

von Pfarrerin Ines Fetzer, gehalten am 31. Januar 2021

Lesungen

1. Lesung:  1. Mose 1,1-5

Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag über dem Urmeer. Über dem Wasser schwebte Gottes Geist. Gott sprach: »Es soll Licht werden!« Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war, und Gott trennte das Licht von der Finsternis.  r nannte das Licht »Tag« und die Finsternis »Nacht«. Es wurde Abend und wieder Morgen – der erste Tag.

Musik: Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht…

2. Lesung: 5. Mose 6,4-9

Höre, Israel: Der Herr ist unser Gott, der Herr allein! Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Heute verpflichte ich dich auf diese Gebote. Du sollst sie in dein Herz schreiben. Du sollst sie deinen Kindern einprägen und sie wiederholen. Rede davon, wenn du zu Hause bist oder unterwegs, wenn du dich schlafen legst oder aufstehst! Du sollst sie als Zeichen um dein Handgelenk binden und sie zur Erinnerung auf deiner Stirn tragen. Schreibe sie auch auf die Türpfosten deines Hauses, genauso wie an die Tore deiner Stadt.

Musik: Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht…

3. Lesung: Johannes 1,1-5

Von Anfang an gab es den, der das Wort ist. Er, das Wort, gehörte zu Gott. Und er, das Wort, war Gott in allem gleich. Dieses Wort gehörte von Anfang an zu Gott. Alles wurde durch dieses Wort geschaffen. Und nichts, das geschaffen ist, ist ohne dieses Wort entstanden. Er, das Wort, war zugleich das Leben in Person. Und das Leben war das Licht für die Menschen. Das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht angenommen.

Musik: Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht…

Predigt

Liebe Gemeinde,

in dieser Woche habe ich eine neue Bibel bekommen. Die Basisbibel als Gesamtübersetzung. Eine neue Bibel? Wozu das denn, mag man fragen. Hat sich denn der Text der Bibel geändert? Nein, natürlich nicht. Es sind noch immer die gleichen Texte, wie sie vor etwa 1700 Jahren zusammengefasst wurden und natürlich noch weitaus älter sind. Doch diese Schriften sind nicht in unserer Sprache verfasst und darum brauchen wir Übersetzungen und diese auch immer wieder neu. Denn würden wir heute eine Originalübersetzung von Martin Luther in die Hand nehmen, der die Bibel vor 500 Jahren ins Deutsche übersetzte, dann würden wir auch wenig verstehen, denn Sprache verändert sich immer wieder. Darum wird auch die Lutherbibel immer wieder angepasst, allerdings so, dass die kräftige und poetische Sprache Martin Luthers gut erkennbar bleibt. Die Basisbibel ist dagegen eine komplett neue Übersetzung. Sie bezieht die neusten Erkenntnisse der biblischen Wissenschaften ebenso ein wie die Sprachgewohnheiten heutiger Menschen. Und sie verfügt über jede Menge Kommentare, denn eigentlich ist sie für das Internet konzipiert, wo man sich von klick zu klick durcharbeiten kann. Eine Bibel für die heutige Zeit. Ich nehme an Martin Luther hätte das gefallen. Schließlich hat er es genauso gemacht. Er hat dem Volk aufs Maul geschaut bei der Wahl seiner Worte und es war ihm wichtig, dass möglichst jeder selbst die Bibel lesen und verstehen konnte. Darum bemühen wir uns bis heute durch gute Übersetzungen, durch Erläuterungen und Erklärungen, durch Religions- und Konfirmandenunterricht, der helfen soll, dieses Buch zu verstehen, denn es ist ein wertvoller Schatz voller Glaubenszeugnisse und Lebenshilfe, eine Verbindung zu Gott und den Menschen, egal in welcher Ausgabe. Ein Buch, das wir in Ehren halten. In der evangelischen Kirche vielleicht eher durch die Beschäftigung mit dem Inhalt aber auch sichtbar in schönen Altar- und Familienbibeln.

Wie sehr man dieses Buch in Ehren halten kann, kann man allerdings im jüdischen Gottesdienst beobachten. Wenn in der Synagoge aus der Bibel gelesen wurde, wird sie anschließend emporgehoben und ihr Text den Anwesenden gezeigt wird. Danach wird sie festlich in einen bestickten Samtmantel eingekleidet, mit einem Schild und einer Krone oder Aufsätzen aus Silber, an denen kleine Glöckchen klingen, geschmückt. Danach wird sie feierlich durch die Synagoge getragen, bevor sie wieder zurück in den Aron Hakodesch, die Heilige Lade, zurückgestellt wird. Diese prunkvolle Prozession ist ein Ausdruck der Ehrerbietung für die Torah, also die Fünf Bücher Mose, die den Kern der Offenbarung am Sinai darstellen. In Hochachtung vor dem überlieferten Text und seiner Bedeutung für die vielen Generationen vor uns haben die Torahrollen noch immer die traditionelle Gestalt antiker Bücher: Der Text wird von speziellen Schreibern mit Feder und Tinte auf Pergamente geschrieben, die wiederum zu einer langen, ca. 25 m langen Bahn zusammengenäht und zwischen zwei Holzstangen befestigt werden.

Die Lesung erfolgt nach einem festen Plan Wenn einmal im Jahr die gesamte Torah durchgelesen wird, wird kein Vers, kein Wort, kein Buchstabe ausgelassen – so unbequem oder bedeutungslos manche Geschichte erscheinen mag. Man muss sich also auch mit Texten konfrontieren, die sonst nicht unsere erste Wahl wären. Das jährlich wiederholte Lesen der Torah wirkt sich natürlich auch auf die Auslegung der Torah aus – alles steht in einem Zusammenhang und es lassen sich immer neue Verweise erkennen. Ein Merkmal jüdischer Bibellektüre ist das Heranziehen einer Vielzahl von Kommentaren. Mit Beginn des Buchdrucks wurde es üblich, den biblischen Text mit Auslegungen verschiedener Rabbiner zu rahmen, die die einzelnen Verse kommentierten und teilweise auch auf die Erklärungen anderer Bezug nahmen. So kontrovers die Auslegungen auch sein mochten – sie blieben nebeneinander stehen und auf diese Weise bewahrt. Man konnte seinen eigenen Kommentar dazuschreiben, nicht aber den anderer auslöschen. Es gibt im Judentum kein Gremium, das über die Akzeptanz einer Schriftauslegung entscheidet – das erfolgt eher durch Zeitgeschmack und Resonanz der Hörer*innen und Leser*innen.Jedes Jahr im Herbst feiern Jüdinnen und Juden das Fest der Torahfreude, Simchat Torah. Dann endet der jährliche Lesezyklus der Torah und beginnt sogleich wieder aufs Neue. Dieser Gottesdienst wird in der Synagoge in großer Fröhlichkeit gefeiert:. Man trägt den letzten Abschnitt des fünften Buch Mose vor und fängt dann gleich wieder mit dem ersten Kapitel an: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“.

Doch nicht nur in der Synagoge spielt die Bibel im jüdischen Leben eine große Rolle auch im Leben. Ganz sichtbar wird das in den kleinen Kästchen, die an den Häusern und auf der Stirn angebracht sind. Wir haben eben in der Schriftlesung davon gehört. Es sind sichtbare Erinnerungszeichen für den Glauben.

Uns verbindet mit den jüdischen Gemeinden die Konzentration auf die Heilige Schrift, und zumindest uns Protestanten auch, dass es viele Auslegungen dazu gibt, die nebeneinander stehen bleiben und dem Gläubigen zumuten, seine eigenen Schlüsse für seinen eigenen Glauben zu ziehen. Die Hebräische Bibel, wie die Juden das Alte Testament nennen, ist auch unsere Heilige Schrift.

Allerdings haben wir sie ergänzt um das Neue Testament, die Evangelien und Briefe, in den es um Jesus Christus geht, das fleischgewordene Wort Gottes, wie der Evangelist Johannes es formuliert. Dieser Teil unseres Glaubens unterscheidet uns vom Judentum. Die Verbindung, die wir durch Jesus Christus zu Gott haben, finden die Juden durch den Bund Gottes mit dem Volk Israel, zu dem sie gehören. Doch es ist der gleiche Gott, von dem in beiden Testamenten die Rede ist, der Gott der im Anfang Himmel und Erde erschuf und von dem wir wissen durch die lange Tradition der Glaubensväter und -mütter, deren Zeugnisse in der Bibel zusammengefasst sind und die wir uns in unseren Alltag holen können, durch alte und neue Übersetzungen, durch Auslegungen und Lieder, durch Gottesdienste und Gebete. Amen