... auf dass wir klug werden

Gedanken zum Sonntag 3.5.2020 (Jubilate) von Pfarrerrin Ines Fetzer

Fetzer

In den vergangenen Wochen ging mir oft ein Satz aus Psalm 90 im Kopf rum. „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Eigentlich ist das ja klar, jeder von uns muss sterben. 

Eine Binsenweisheit. Aber meistens denken wir nicht darüber nach, sondern stellen uns stattdessen dem Leben. Das ist gut so, denn sonst könnte man den Alltag kaum bewältigen. Wer ständig mit der Sorge lebt, der Himmel oder etwas anderes könne ihm auf den Kopf fallen, verliert vieles, was das Leben lebenswert macht.

Manchmal allerdings werden wir aus dieser notwendigen Todesvergessenheit gerissen. Wenn ein geliebter Mensch stirbt zum Beispiel oder wenn ein Arzt eine Diagnose stellt, durch die der Tod plötzlich nähertritt. Dann leisten wir innerlich Widerstand. „Nein,ich will nicht sterben. Ich will leben!“ Dann nehmen wir das Leben intensiver wahr, konzentrieren uns auf das, was uns wichtig ist. In den letzten Wochen wurden wir gemeinschaftlich aus der Todesvergessenheit gerissen, und auch da war die Antwort klar. „Wir wollen leben. Wir wollen alle Menschen schützen. Das soll der Maßstab unseres Handelns sein.“ Wir haben unser Leben geändert, freiwillig oder aufgrund gesetzlicher Auflagen, zum Schutz des Lebens. Das erschien klug und war es auch.

Allerdings – auf Dauer ist es nicht ganz so einfach. Der Gesundheitsschutz kostet uns viel – nicht nur Geld, sondern auch Lebenskraft und -qualität. Isolation macht krank und gerade manche Ältere, die wir besonders schützen wollen, fragen sich, „Wozu soll ich weiterleben, wenn ich nicht mehr am Leben teilhaben kann? Wer weiß, ob ich die Zeit nach Corona überhaupt erlebe?“ Das kann übrigens niemand von uns wissen, auch die Jüngeren nicht. Deshalb lohnt es sich auf jeden Tag unseres Lebens zu achten, ihm Inhalt und Sinn zu verleihen. „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Wir können unser Leben nur begrenzt schützen, es liegt nicht in unserer Hand. Ich bin Wolfgang Schäuble für seine offenen Worte dankbar: "Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen", erklärt er und findet auch persönliche Worte: „Wir sterben alle. Und ich finde, Jüngere haben eigentlich ein viel größeres Risiko als ich. Mein natürliches Lebensende ist nämlich ein bisschen näher."

Jeder von uns trägt jederzeit sein eigenes Lebensrisiko und jederzeit auch Verantwortung für andere: in der Familie, im Straßenverkehr, im Seuchenschutz... Es wird darauf ankommen, immer neu die Risiken in alle Richtungen abzuwägen und klug zu unterscheiden zwischen Abstand und Isolation, zwischen Vorsicht und Panik. Wie kann ich mich diesen Herausforderungen stellen? Der Psalmbeter zeigt einen Weg: „Herr lehre uns bedenken…“ Ich sehe darin die Aufforderung zum Nachdenken, zum Zwiegespräch mit Gott, zur Besonnenheit und zum Vertrauen auf Gottes Geist. Dann werde ich, werden wir hoffentlich klug handeln und klug werden.

 

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