Still und leer

Gedanken zum Sonntag 22. März (Laetare) von Pfarrer Dr. Martin Streck

Streck

Vor Monaten sah ich Bilder in der Zeitung: bekannte Orte wie den Eifelturm in Paris ohne Menschen. Unvorstellbar. Jetzt sind sie Wirklichkeit. Wir stöhnten über den Stau auf der Straße, jetzt fehlt er uns. Es fehlen die Menschen. Wir halten Abstand, um das Virus nicht weiterzugeben, nicht einzufangen. Wir sehnen uns nach Nähe, berührt wollen wir werden. Doch gegenwärtig darf es nicht sein.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst,” sagte Jesus mit der Bibel der Juden. Darum gehen wir auf Abstand. Die Nächstenliebe stellte Jesus dem höchsten Gebot gleich, es lautet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen.” Und da lassen wir von den Kirchen die Gottesdienste ausfallen!

Dabei haben wir doch jetzt in der Krise Gottes Trost so bitter nötig. Im Gottesdienst dient Gott den Menschen. Wollen wir ihm verbieten, uns zu trösten?

Die ganze Lage ist widersprüchlich. So widersprüchlich, dass wir keinen Ausweg finden mit einer glatten, einfachen Antwort.

Hat Jesus nicht Wunder vollbracht? Ja. In den Evangelien lesen wir davon. Oft aber sagt er den Zuschauern sofort, dass sie es nicht weitersagen sollen. Warum? Jesu Macht zeigt sich in seiner Schwäche.

Jesus ging den Menschen nach. Das führte auch ihn in widersprüchliche, ja in ausweglose Situationen. Gottes Liebe trieb ihn, uns Nächster zu werden.

Selbst als es unangenehm wurde, ging er seinen Weg weiter. Bis in den Tod am Kreuz. Wieder ein Widerspruch: um uns im letzten, im Tod nahe zu sein, versank er in der Einsamkeit des Todes.

Dass Gott ihn auferweckt hat (wir werden es wie und wann auch immer feiern!), nimmt den Widerspruch nicht aus der Welt. Aber Ostern, also die Tatsache, dass der Gekreuzigte auferstanden ist und lebt, das lässt uns glauben, hoffen und lieben.

Konkret? Wir halten den Widerspruch in Liebe aus. Darf ich keine Besuche machen, rufe ich an. Halte ich zu anderen, denen ich begegne, Abstand, schaue ich ihn freundlich an. Strecke ich wie gewohnt die Hand hin, lege ich sie an die Brust, aufs Herz und verbeuge mich: Ich darf die Hand nicht geben, aber ich schließe den anderen ins Herz. Sage hörbar oder still: Gott segne Dich!

Pfarrer Dr. Martin Streck

Evangelische Kirchengemeinde Dörnigheim

 

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