Liebe Leserinnen und Leser,

In der Apostelgeschichte des Lukas wird berichtet, dass sich alle Jünger nach Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu an einem Ort versammelten, die Türen verschlossen und sich abschotteten. Diese Frauen und Männer waren überzeugt, und doch harrten sie ängstlich in der Enge des verschlossenen Raumes aus. Bangen und Erwartung prägten die Tage vor Pfingsten. Dann aber brauste ein Sturm durch das Haus und Feuerzungen kamen auf die Jünger herab. Und der Geist Gottes schenkte ihnen den Mut und die Kraft, für ihre Überzeugungen einzustehen und den christlichen Glauben zu verkünden. Sie gingen hinaus und berichteten von der frohen Botschaft in vielen fremden Zungen – und ein jeder konnte sie verstehen und hörte sie in seiner Sprache die großen Taten Gottes verkünden.

Damit ist Pfingsten die Umkehrung der Geschichte des Turmbaus zu Babel. Hier hatte Gott die Sprache der Menschen, die sich über Gott stellen wollten, in unverständliche Vielsprachigkeit verwirrt. Man entwickelte sich auseinander und entfremdete sich. An Pfingsten wurde nun aber die Sprache eingesetzt, um die gute Nachricht zu verbreiten und die Menschen im christlichen Glauben zu vereinen. Menschen ganz unterschiedlicher Sprachen konnten sich nun verstehen. Pfingsten ist damit das Wunder grenzüberschreitenden Verstehens. Es ist in gewisser Weise ein internationales und multikulturelles Kirchenfest.

Und so enthält Pfingsten auch eine wichtige Botschaft für die Völkerverständigung und das menschliche Zusammenleben im Allgemeinen: Verlasst eure Komfortzone, setzt euch über (Sprach-)Grenzen hinweg. Versperrt euch nicht, sondern geht aufeinander zu!

Am 26.5.2019 ist die Europawahl. Auf der Ebene der Europäischen Union drohen Kleinmut und Nationalismus die Menschen auseinanderdriften zu lassen. Auch hier könnte Pfingsten ein Weckruf dafür sein, den europäischen Geist zu befeuern und wieder für ein vielfältiges, vielsprachiges und zugleich geeintes Europa einzutreten. Trotz kultureller oder sprachlicher Unterschiede sind es doch die gemeinsamen Werte wie Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Frieden sowie die Wahrung der Menschen- und Minderheitenrechte, die ganz überwiegend zugleich auch christliche Werte sind, die uns einen. Diese Werte gilt es, in einer multipolaren Welt zu verteidigen. Immerhin haben wir es in Europa geschafft, dass in nur einer Generation aus Feinden Freunden wurden – das dürfen wir nicht aufgeben. Die Pfingstgeschichte sollte dabei ein Vorbild sein: Die Gabe des Heiligen Geist besteht darin, dass wir miteinander sprechen, uns zuhören und uns gegenseitig verstehen. Anstatt uns abzuschotten und Angst zu schüren, sollten wir raustreten, den Austausch suchen und den europäischen Geist, die europäischen Werte hinaustragen und so Europa Leben einhauchen.

Ihre Eva Maria Holter

Mitglied des Redaktionskreises der Begegnungen (Gemeindebrief)

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