Liebe Leserinnen und Leser,

„Jesus ist für unsere Sünden am Kreuz gestorben; der gekreuzigte Jesus als Opferlamm, als Lösegeld für viele.“ Ein wichtiger aber auch schwerer Satz. Müssen wir die Heilsbedeutung des Kreuzestodes im Einzelnen verstehen und den göttlichen Heilsplan nachvollziehen können?  Müssen wir die hinter Kreuzestod und Auferstehung stehenden philosophischen Fragen erfassen oder gar beantworten können, um aufrechter Christ zu sein und die Liebe Gottes zu erfahren?

Christliche Glaube  ist g keine philosophische Schule, der man angehört, wenn man die erforderliche gedankliche Akrobatik turnen kann. In den christlichen Glauben wird man „hineingezogen“. Hier werden keine geistigen Hochleistungskünste vorausgesetzt, würde man doch sonst etwa Kinder ausgrenzen und ihnen absprechen, die Liebe Gottes in gleichem Maße begreifen zu können.

Von Gott beseelt sein, die Liebe Gottes spüren – das sind gerade nicht die Momente, in denen wir uns den Kopf über die Heilsbedeutung des Kreuzestodes zerbrechen und vielleicht sogar daran zerbrechen. Das sind vielmehr Momente, in denen sich in unserem Herz, in unserer Seele etwas rührt; sei es, weil die Gemeinde ein ergreifendes Lied singt, sei es eine freundliche Geste, ein Bild, ein Gleichnis, das Jesus erzählt – dieses Etwas, das uns zum Lachen bringt und zu Tränen rührt. Warum wohl bedient man sich, wenn man von Gott spricht, der Kunst, der Musik, der bildlichen Sprache? Weil die Liebe Gottes etwas ist, das sich nicht auf erklärende, interpretatorisch-analysierende Worte auf einen Heilsplan herunterbrechen lässt. Eine Kausalitätskette vermittelt nicht das Gefühl, das die Seele berührt – darum die Lieder, die Bilder, die Gebete, die Gleichnisse, die Taten. Deren Zugang ist allen offen! Für diese Seligkeit braucht es kein philosophisches Hochreck; ich würde sogar so weit gehen und sagen, es verbietet ein solches. Oder waren es nicht unsere Kinderjahre, in denen wir am ehrlichsten glücklich, traurig und dankbar waren?

Versuchen wir es doch einmal, Passionszeit und Ostern aus Kinderaugen zu sehen, ohne den dahinterstehenden Heilsplan. Vielleicht schaffen wir es so, ehrliches Mitleid mit dem verratenen, geschundenen und ans Kreuz genagelten, leidenden Menschen Jesus zu haben, ohne gleichzeitig über den dahinterstehenden Nutzen von Jesu Tod nachzudenken. Vielleicht schaffen wir es bloßes, aber ehrlichstes Mitleid zu haben, seiner Verzweiflung und seinen Schmerzen nachzufühlen. Der, der dort am Kreuz stirbt, ist auch ein Mensch und zum Zeitpunkt des Kreuzestodes tritt dies wohl am unverkennbarsten hervor.  Wir müssen Jesus am Kreuz nicht isolieren und sein Leiden als ein göttliches, unvergleichbares Leiden verklären – es ist menschliches Leiden. Wir dürfen unsere Leiden, unsere Kreuze in Jesus hineinprojizieren, unsere Leidenserfahrungen mit den seinen vergleichen und uns verstanden fühlen. Das Kind sieht im Gekreuzigten nicht die Erlösung von Erbsünde und Schuld und erkennt nicht den dahinterstehenden Heilsplan, dafür aber hat es aufrichtiges Mitleid.

Die Liebe Gottes wird uns nicht in Jesu Tod, sondern in seinem Leben offenbar. Jesus ist Lebenssymbol, Symbol dafür, dass Elend, Leid, Verlassenheit, Kreuz und Tod nicht das letzte Wort haben. „Talitha kumi – Steh auf, Mädchen“ sagt Jesus zur Tochter des Jarius (Mk 5, 41); „stehe auf, hebe dein Bett und gehe heim“ spricht Jesus zum Gichtbrüchigen (Mt 9, 6) und nachdem Jesus die Schwiegermutter des Petrus vom Fieber geheilt hatte, stand diese auf und diente ihnen (Lk 4, 39). Mit den Worten „aufstehen“ und „auferwecken“ zieht Jesus seine Spur durch die Heilungsberichte der Evangelien und führt Kranke und Erschöpfte zum Leben zurück. Dieses Auferwecken und Aufstehen, diese Lebenssymbolik gipfelt schließlich in der endgütigen Erlösung, im Sieg über den Tod, in der Auferstehung Jesu an Ostern. In dem leeren Grab, den Begegnungen mit dem Auferstandenen – in Jesu Leben – erkennt jedes Kind die Liebe Gottes.

Darum betrachtet es aus Kinderaugen: Schlichtes, aber ehrlichstes Mitleid mit dem gekreuzigten Jesus und größte Freude und Begeisterung über sein Leben!

Eva Maria Holter

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