Predigt von Pfarrer Eckhard Sckell zum Thema: Hoffnung haben

Liebe Gemeinde, Durch den Gotthard-Tunnel hindurchzufahren ist ein besonderes Erlebnis. Wer schon einmal hindurchgefahren ist, weiß, wie lang sich die 17 Ki-lometer durch den Berg ziehen. Hinter Göschenen wird die Autobahn einspurig. Dann geht es in den Tunnel hinein. Der Tunnel macht zu Beginn eine leichte Kurve. Dann geht es gerade aus. Auf der anderen Spur kommen einem die Autos entgegen. Der Verkehr fließt langsam und gleichmäßig. Schon nach kurzer Zeit wird die Fahrt eintönig, lang, immer länger, man fährt in den Berg hinein und hat das Gefühl, vollkommen weg zu sein. 9 Kilometer fahren. Erst wenn dieses Schild sich zeigt, weiß ich. Jetzt bin ich mittendrin. Jetzt geht es noch einmal so lang, bis ich wieder draußen bin. Eine endlose Fahrt, die dann doch ein Ende hat, wenn sich ganz vorne das erste Tageslicht wieder zeigt und man bei Airolo den Tunnel verlässt. Endlich.
Liebe Gemeinde, wie ist das mit der Hoffnung? Unser Thema heißt ja: Hoffnung haben. Wir sagen: Hoffnung zu haben, das gehört ganz we-sentlich zu unserem Glauben. Aber eigentlich ist das nicht präzise ausgedrückt. Hoffnung kann man nicht haben. Hoffnung ist eine Grundhal-tung. Eine Haltung, wie ich das Leben betrachte, wie ich es führe.
Ich lese Hoffnungsworte aus dem Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 29: 17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. 18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; 19 und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. 20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, 21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Un-schuldigen. 22 Darum spricht der Herr, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. 23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – ihre Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. 24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.
Man versteht Jesaja besser, liebe Gemeinde, wenn man weiß, in welcher Zeit er gelebt hat, was die Zeitumstände waren. Dem Volk Israel droht eine neue Fremdherrschaft. Die Babylonier haben es besiegt. Jerusalem ist noch heil geblieben, aber es droht die Entführung der Oberschicht. Und innerhalb des eigenen Landes steht es noch schlimmer: Die öffentliche Ordnung funktioniert nicht mehr. Das Recht wird gebeugt. Ungerechtigkeit und Bestechung herrschen. Es geht den Leuten schlecht. Sie beklagen sich, sie „murren“, heißt es da. Sie haben wirklich Grund dazu.
Und wie sieht es bei uns aus? Aktuell der Dieselskandal, als Dauerthema der Klimawandel mit seinen Folgen, dazu der Brexit und die Eurokrise, der Umgang mit Flüchtlingen hier bei uns und im und am Mittelmeer, die USA mit einem Präsidenten, der durch Drohgebärden gegenüber Nordkorea den Weltfrieden gefährdet, die Türkei und ein Präsident, der spaltet und provoziert, der den demokratischen Rechtsstaat demontiert.
Wie wird es weitergehen? Wird es weitergehen? Soll gelten ein „Weiter so“? Auf welche Propheten hören wir. Auf solche wie Jesaja? In der Bibel ist ja auch die Rede von falschen Propheten. Propheten, die in die Irre führen.
Düstere Wolken in den Himmel zu zeichnen ist nicht schwer. Unheilprophetie rettet kein Volk. Drohungen machen keine besseren Menschen. Angst ist eine schlechte Lehrmeisterin und Zwang gewinnt keine Herzen. Das war ja auch schon eine Grunderkenntnis Luthers. Vorsicht also vor dieser Art von Propheten. Sie erfreuen sich leider heutzutage wegen ihres Populismus großer Popularität.
Jesaja ist anders! Er kann träumen – träumen von unserer Sehnsucht nach Frieden, nach Gerechtigkeit. Er zeichnet das Bild einer neuen Welt. Jesaja schwärmt von einem Leben, in dem sich jeder Mensch auf Gottes Zusage, verlässt. Er singt ein Lied vom Guten, vom Schönen, von der Fröhlichkeit der Menschen, von ihren guten Wegen.
Der Schriftsteller Antoine de Saint Exupéry hat dies einst so in Worte gefasst: »Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit anzuleiten; sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer!«
Organisieren, managen, führen, delegieren, das hat alles keinen Schwung, keine Liebe, kein Ziel! Wenn nicht die Sehnsucht da ist in unseren Herzen, wenn wir nicht leiden an dem, was die Welt krank macht und keine Hoffnung, keine Vorstellung haben von dem, wie es besser sein könnte. Und diese Sehnsucht, von der Jesaja spricht, hat ihre Wurzel in unserem Vertrauen auf Gott, sie hat ihre Wurzel in unserem Glauben.
Als Christen leben in der Hoffnung auf das, was einmal kommen wird, egal, ob wir das nun mit den Worten des Jesaja oder in den Worten, mit denen uns Jesus das anbrechende Gottesreich beschreibt, umschreiben wollen. Diese Hoffnung – wenn wir sie denn ernst nehmen! – kann unser Leben entscheidend verändern. Wir können unser Leben neu angehen und so ein Stück – und sei es nur im ganz, ganz Kleinen – mitarbeiten am Reich Gottes.
Paulus spricht von „Glaube, Liebe Hoffnung, diese drei“. Wir leben in einer Hoffnung, die uns niemand nehmen kann, weil sie von Gott selbst her kommt, und aus dieser Hoffnung heraus können wir uns bemühen, anders zu leben, dort gegen Unrecht und Gewalt einzuschreiten, wo es uns möglich ist, um so ein Stück von Gottes Liebe in die Welt zu tragen.
„I have a dream.“ Martin Luther King hat mit seiner Rede eine Hoffnung in die Welt gesetzt, die dazu geführt hat, dass sich viel verändert hat. Menschen können das Gesicht der Welt verändern, wenn sie eine Sehnsucht haben, wenn sie eine Hoffnung haben, die sie treibt.
Ein Licht am Ende des Tunnels. Ich bleibe nicht im Tunnel stecken. Das Licht zieht mich, es leitet mich, es motiviert mich weiter zu machen und nicht aufzugeben. Hoffen ist eine Grundhaltung, eine Grundbewegung des Glaubens, die das Gesicht der Welt verändert und die mich selbst verändert – zum Guten.

 

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