Predigt von Pfarrer Eckhard Sckell zum Thema: Türen öffnen

Liebe Gemeinde,
vor einer verschlossenen Tür stehen, man will rein. Das kennt jeder. Noch schlimmer: wenn einem vor der Nase die Tür zu gemacht wird. „Türen öffnen“ – So lautet eine der acht Thesen, die wir in unserer Kirchengemeinde aufgestellt haben zum Lutherjubiläum. Für uns bedeutet das Evangelisch sein heute: „Türen öffnen“. Wir leben aus einem Glauben, dass Gott uns Türen öffnet. Heute hören wir die Geschichte vom verlorenen Sohn. Sie steht im Lukasevangelium Kapitel 15: Jesus sagte aber dies Gleichnis und sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen:Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Liebe Gemeinde, eine Geschichte, in der zwar eigentlich gar keine Tür vorkommt. Aber irgendwie dann doch. Ein Vater und seine beiden Söhne. Es gibt wohl kaum eine andere biblische Geschichte, in der wir so vieles entdecken können, was mit dem eigenen Leben zu tun hat. Und man kann sich ganz leicht in die verschiedenen beteiligten Personen hineinversetzen. Hier geht eine Tür auf. Und alle drei Personen haben etwas damit zu tun. Versetzen wir uns zunächst in den älteren Sohn. Mit ihm möchten wir uns natürlich nicht so gerne identifizieren. Der neidische, der missgünstige, der seinem jüngeren Bruder nicht gönnt, dass er wieder zu Hause aufgenommen wird und dass dann auch noch ein großes Freudenfest ausgerichtet wird. Aber verstehen kann man ihn schon. Der ältere Bruder, der schon immer in der größeren Verantwortung stand. Der den Hof des Vaters übernehmen sollte. Der einmal für die ganze Familie sorgen soll. Der seine Pflicht erfüllt. Der seine Pflicht erfüllt hat, obwohl auch er bestimmt nicht immer Lust dazu hatte. Es ist ungerecht. Es ist verdammt ungerecht. Der Bruder nimmt sich das Erbe, verhökert es, leistet nichts, - und dann wird auch noch für ihn dieses Fest ausgerichtet. Eigentlich hätte man ihm noch nicht einmal die Türe öffnen sollen. Der Blick des älteren Bruders – ich kann ihn gut verstehen.

Der jüngere Bruder erlebt eine ganz andere Geschichte. Der jüngere ist eben der jüngere. Das schafft Freiraum. Und den nutzt er auch. Er muss nicht die Verantwortung für den Hof übernehmen. Er kann sich sein Erbteil ausbezahlen lassen und gehen. Für niemand anderen Verantwortung tragen. Nur für sich selbst. Doch selbst die Verantwortung für sich selbst kann zu viel werden. Er verliert, alles, was er hat. Er verliert sich selbst. Und er selber hat sich in diese Situation gebracht. Nicht jedem wird das bewusst. Nur zu gerne schieben wir die Schuld auf andere, wenn etwas im eigenen Leben schiefgeht, wenn wir auf die schiefe Bahn geraten oder sogar in einem Abgrund. Dann sind die anderen Schuld. Dem jüngeren Sohn wird aber klar, dass er selber sich in diese Situation gebracht hat. Und dass er von alleine aus dieser Situation auch nicht mehr herauskommt. Er muss einen mutigen Schritt gehen. Er muss seinen Fehler eingestehen und zum Vater zurückkehren. Man nennt das Reue. Der letzte Schritt nach Hause. Ob er damit rechnen konnte, dass sein Vater ihm die Tür öffnet? Welches Glück muss es für ihn gewesen sein, zu Hause wieder aufgenommen zu werden.

Kommen wir schließlich zum Vater und seiner Sicht der Dinge. Der dritte im Bunde. Man kann sich fragen, warum sind es eigentlich keine vier? Wo bleibt eigentlich die Mutter? Gibt es denn keine Mutter? Eine reine Männergeschichte. Warum? Die Geschichte ist so wie sie ist. Man kann nur darüber spekulieren. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass es hier um das Thema Erbe geht. Und nach damaligem orientalischem Erbrecht ging das Erbe vom Vater auf den erstgeborenen Sohn über. Reine Männersache. Es ist also eine Geschichte ohne Frau, ohne Mutter. Es ist die Geschichte des Vaters. Und was für eine! Wer sich in den Vater versetzt, erlebt eine sehr turbulente und emotionale Geschichte. Das Loslassen Müssen des jüngeren Sohnes. Der Vater stattet ihn mit seinem Erbe aus. Was muss dem Vater durch den Kopf gegangen sein? Und was hat er gefühlt? Er verliert einen Teil seines Besitzes, er verliert seinen Sohn und er verliert einen Teil seiner Zukunft. Und doch lässt er ihn gehen.

Und dann der zweite Teil der Geschichte. Die Rückkehr des Sohnes. Als er aus der Ferne sah, wie sein Sohn zurückkommt. Konnte er das überhaupt fassen? Wie sollte er reagieren? Der Vater entscheidet nach seinem Herzen. Die Freude ist so groß, dass sein jüngerer Sohn wieder zurückgekehrt ist, dass er ihn einfach wieder aufnimmt. Die Freude ist so groß, dass er ein Fest feiern muss. Wenn das Herz entscheidet, geht es vielleicht nicht gerecht zu. – Oder doch? Wird es nicht Gott selbst gerecht? Denn seine Gerechtigkeit lässt sich nicht mit unseren Maßstäben von Gerechtigkeit messen. Seine Gerechtigkeit ist nicht kleinlich. Und da geht es auch nicht um Gleichheit. Es geht darum, dem Menschen Gutes zu tun. Menschenfreundlichkeit. Gottes Gerechtigkeit geht weiter und tiefer, als wir es uns vorstellen können.

Liebe Gemeinde, unserem Leben tut es gut, sich von diesem Gott gesehen und geliebt zu wissen. Das war letztlich auch die Grunderkenntnis Martin Luthers. Seine Wiederentdeckung durch das Lesen der Bibel. Wir haben diesen Vater. Und das ist gut so. Er öffnet uns die Tür. Er steht in der Tür und nimmt uns in den Arm. Ja, genau so stelle ich mir Gott vor. Wie ein Vater, der mir die Tür öffnet und mich in die Arme schließt. So ist Gott. Dieser Glaube gibt dem Leben einen sicheren Halt. – Und Ermutigung. Der Glaube an diesen Gott ermutigt uns dazu, selber in dieser Weise zu leben. Als Vater, als Mutter, als Lehrer, als Vorgesetzte, wo auch immer. Weiter, freier, großzügiger, gnädiger. Daran orientiert sich unser Leben als Christen. Und auch unser kirchliches Leben. Ich bin glücklich darüber und auch ein wenig stolz, dass unsere Kirchengemeinde eine Gemeinde der offenen Tür ist. Wer zu uns möchte, ist willkommen. Wenn wir nachher Abendmahl feiern, lädt Christus ein und wir weisen niemanden ab, keine Kinder, keine Menschen anderer Konfession oder anderen Glaubens. Und das ist gut so. Die Tür steht offen.

Wenn wir unser Septemberfest feiern. Wir öffnen unser Gemeindezentrum für alle Menschen unterschiedlichster Herkunft. Alle sind willkommen. Das ist der Reiz, das ist der Schatz dieses Festes. Oder unser Jugendzentrum: Ein Haus der offenen Tür. Kinder und Jugendliche können, dürfen, sollen kommen. Da gibt es keine Vorbedingungen, keine Anmeldung, keine Frage, ob man dazu gehört. „Türen öffnen“ – Ich finde, das ist eine besonders wichtige Aussage über unseren Glauben, über das Evangelisch Sein heute. Vielleicht unterscheidet uns das auch von anderen Glaubensformen. Vielleicht auch nicht. In jedem Fall ist es für uns ein Glücksfall.

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