Predigt von Pfarrerin Ines Fetzer zum Thema: den Nächsten lieben

Predigttext: Lukas 10,25-37

Liebe Gemeinde,
was ist wichtig für eine Kirchengemeinde? Was ist der Inbegriff von christlichem Glauben? Was bedeutet es, evangelisch zu sein? Wer immer sich darüber Gedanken macht, der kommt um unser heutiges Thema nicht herum: „Nächstenliebe“. Na klar, darum geht es. Dass Glaube und Nächstenliebe zusammengehören, wissen die meisten Leute. Sogar die, die uns Christen selbige gerne einmal absprechen: „In der Kirche gibt auch keine Nächstenliebe (mehr)“. Auch wenn sie meinen, wir Christen halten uns nicht daran, stellen sie doch den Zusammenhang von Christentum und Nächstenliebe her.
Es ist kein Zufall, dass wir Glaube und Nächstenliebe miteinander verbinden. Es ist eine zentrale Aussage der Bibel, in der Botschaft Jesu aber auch schon im Alten Testament. Und wenn Sie heutzutage Menschen nach den 10 Geboten fragen, erhalten sie häufig die Antwort: „Liebe deinen Nächsten.“ Das ist zwar nicht ganz richtig, denn dieses Gebot gehört nicht zu den 10 Geboten, die Mose am Berg Sinai erhielt, aber es ist auch nicht ganz falsch, denn eine Kurzfassung der Gebote ist es in der Tat. „Du sollst Gott deinen Herrn lieben (von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt) und deinen Nächsten wie dich selbst.“ So fasst es der Schriftgelehrte in der Geschichte vom barmherzigen Samariter, die ich eben vorgelesen habe, zusammen und diese Zusammenstellung wählt auch Jesus an anderer Stelle. Er erklärt seinen Zuhörern, dass darin alles andere enthalten ist. Drei Objekte der Liebe werden dabei immer zusammen genannt: Gott, der Nächste und ich selbst. Aber der Reihe nach.
Wozu, so könnte man ja fragen, braucht man überhaupt diese Gebote? Benötigen wir solche Handlungsanweisungen? Kann nicht jeder einfach tun, was er will? Doch kann er. Jesus ist kein Herrscher, der Regeln aufstellt, die alle befolgen müssen. Er antwortet auf eine Frage. Der Schriftgelehrte fragt ihn: Was muss ich tun, damit das ewige Leben ererbe? An anderer Stelle heißt es: Was muss ich tun, um selig zu werden? Oder was muss ich tun, um in das Reich Gottes zu kommen? In unterschiedlicher Form ist dies stets die gleiche Frage. Es ist die Frage, die alle Menschen irgendwann beschäftigt, die wir aber in unterschiedlicher Weise formulieren. Es ist die Frage nach der Dimension, die hinter unserem Alltag steht, hinter dem, was wir tagtäglich tun, um zu überleben und das Leben irgendwie zu gestalten. In unserer Zeit fragen wir vielleicht eher: Was gibt dem Leben Sinn? Was macht mich glücklich? Gibt es noch etwas über dieses Leben hinaus? Vielleicht auch, was hat Gott mit mir vor? Wie auch immer ich diese Frage stelle, ob wie die Menschen in biblischer Zeit mit der Frage nach dem Reich Gottes oder wie Martin Luther in seiner Zeit mit der Frage, wie bekomme ich einen gnädigen Gott oder wie heute mit der Frage nach dem Sinn, es ist immer die Frage nach dem „mehr“. Es ist die Frage nach dem, was das Leben gut, sinnvoll und reich macht. „Liebe Gott, liebe deinen Nächsten und liebe dich selbst,“ ist die kürzeste Antwort, die wir darauf geben können.
Drei Dimensionen, die zusammen gehören. Gott lieben, das heißt sich zugehörig fühlen. Darin liegt die Erkenntnis, dass ich mein Leben nicht aus mir selbst heraus habe und nicht alleine durch diese Welt gehe, sondern getragen bin durch eine höhere Macht, durch den Schöpfer allen Lebens. In der Schöpfungsgeschichte heißt es  „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn und er schuf sie als Mann und Frau.“ Unser Gott ist ein Gott, dem wir begegnen. Wir können ihm  gegenübertreten und zwar nicht nur mit Furcht sondern mit Liebe und Vertrauen. Das hat Jesus deutlich gemacht. In jedem Menschen stehen wir Gottes Abbild gegenüber und das ist so gewollt von Anfang an. Denn Gott schuf sich eben nicht nur ein Gegenüber sondern zwei verschiedene: Mann und Frau. Es ist so gewollt, dass ich nicht alleine auf der Welt bin. Menschen sind als soziale Wesen gemacht, und sie begegnen und beeinflussen einander, ob sie nun wollen oder nicht.
Diese Verantwortung nimmt das Gebot der Nächstenliebe auf. Ich habe in jedem Augenblick meines Lebens nicht nur mein eigenes Leben, sondern auch etwas vom Leben eines anderen in meiner Hand. Das kann sehr wenig sein, etwa wenn ich beim Bäcker ein paar Brötchen kaufe, oder sehr viel, etwa in der Ehe. Das kann sehr nah sein und unmittelbar, etwa wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin, oder eher vermittelt, etwa wie ich mit Energie und Ressourcen umgehe. Gott erwartet von uns, dass wir das Stück vom Leben anderer Menschen, das jeweils in unserer Hand liegt, schützen, weil wir einander als Geschwister, als Geschöpfe Gottes verstehen und deshalb lieben. Nicht, weil uns jeder Mitmensch zutiefst sympathisch wäre – das ist nicht so -, sondern weil wir alle miteinander verantwortlich sind, füreinander und für diese Welt.
Die Beispielgeschichte vom barmherzigen Samariter macht dies exemplarisch deutlich. Da ist ein Mensch, der am Straßenrand liegt und Hilfe braucht. Und da sind andere die vorbei gehen. Sie haben wahrscheinlich gute Gründe dafür, aber sie tun eben nicht, was eigentlich in diesem Moment nötig wäre. Der Samariter tut es. Er tut einfach das Naheliegende. Er versorgt die Wunden des Verletzten, verbindet ihn und bringt ihn auf seinem Esel in ein Gasthaus, wo er bleiben kann. „Er jammerte ihn,“ übersetzt Martin Luther, eine altertümliche, aber schöne Beschreibung. „Er jammerte ihn.“ Es ist nicht einfach Pflichtgefühl, auch nicht die Angst wegen unterlassener Hilfeleistung belangt zu werden, und es ist auch nicht die Drohung, wegen nicht erfüllter Gebote in die Hölle zu kommen. Es ist die Wahrnehmung der Hilfsbedürftigkeit des anderen, die den Samariter handeln lässt. Der Samariter ist dem Verletzten zum Nächsten geworden, zu dem, der ihm seine Zuwendung schenkt und ihm dadurch zeigt, wie Gott es mit uns meint.
So wie Jesus selbst auch nicht nur erzählte und lehrte, sondern auch heilte und das Brot teilte, und die Liebe Gottes nicht nur predigte, sondern spürbar machte. Gebet und Predigt, Speise und Hilfeleistung gehörten auch bei den ersten Christen selbstverständlich zusammen. Der Blick auf die Schwachen und Hilfsbedürftigen gehörte von Anfang an dazu, ob es nun die Versorgung der Witwen und Waisen in der Gemeinde war oder die Beerdigung der Ärmsten, die am Straßenland lagen. Eine Kirche ohne Diakonie (so wurde der Dienst am Nächsten später genannt), war und ist nicht denkbar, und wer das auseinanderreißen will, hat nicht verstanden, was unseren Glauben ausmacht.
Natürlich können Christen nicht das gesamte Leid auf der Welt lindern. Auch der Samariter verbrachte nun nicht sein ganzes Leben damit, Opfer von Räubern zu versorgen. Und wie überall, wo Menschen aktiv sind, tun Christen manchmal auch das Falsche, wenn sie eigentlich Not lindern wollen. Aber ich habe den Eindruck, dass es falsch ist, wenn unsere Gesellschaft einerseits als egoistisch schlecht geredet wird und andererseits wohlmeinende Helfer als Gutmenschen bespöttelt werden. Das wird der Bedeutung der Nächstenliebe nicht gerecht. Ich bin dankbar für die vielen Beispiele gelebter Nächstenliebe, die ich immer wieder beobachten und auch selbst erfahren kann. Wie oft erzählen mir alte Menschen, dass sie Nachbarn haben, die sich um sie kümmern, die für sie einkaufen, sie zum Arzt fahren, auf einen Nachbarschaftsplausch hereinkommen. Glauben sie denen nicht, die sagen, das gibt es nicht mehr. Es gibt es öfter, als man denkt. Menschen machen das - einfach weil es sich nahe legt, weil es sie jammert, aus Nächstenliebe. Ein anderes Beispiel: unser Jugendzentrum. Seit mehr als 20 Jahren ist die Finanzierung schwierig. Immer wieder sind Dinge passiert, die die Schließung des Hauses nahelegten. Vielleicht wird es irgendwann nicht mehr geöffnet werden, dann werden wir andere Lösungen finden. Aber bis heute sind dort die Türen offen, die Kinder von damals sind längst groß. Es ist offen, weil sich immer wieder Menschen gefunden haben, die uns unterstützen: durch ihre Mitarbeit oder finanziell. Und weil der Kirchenvorstand immer wieder mutig für diese Arbeit eingetreten ist. Denn die Kinder und Jugendlichen brauchen unsere Unterstützung, egal ob sie evangelisch sind oder nicht. Und denken Sie  auch an die vielen Menschen, die ehrenamtlich tätig sind und sich in den unterschiedlichsten Bereichen für andere und unsere Umwelt einsetzen. Auch hier stimmt es nicht, dass dazu immer weniger Menschen bereit sind. Übrigens, Nächstenliebe entsteht ja ohnehin nicht erst dadurch, dass ich für meinen Einsatz kein Geld bekomme. Wie oft sind mir Krankenschwestern mit großer Einfühlsamkeit begegnet, fürsorglich und zugewandt. Das tut einfach gut, wenn man krank ist und sich hilflos fühlet Auch das ist gelebte Nächstenliebe. Was für ein großer Schatz ist die Nächstenliebe! Ich bin mir sicher, jeder von uns könnte davon erzählen.

Erlauben Sie mir noch einen anderen Gedanken zum Schluss: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, das heißt auch, sich selbst zu lieben und zu achten und auch in mir selbst das Antlitz Gottes zu sehen, nicht nur im anderen. Selbstaufopferung ist falsch verstandene Nächstenliebe. Ich bin immer auch für mich selbst verantwortlich. Um nochmal zur Geschichte zurückzukommen: Der Samariter suchte sich Helfer. Er opfert nicht alles, um von nun an nur noch für den Kranken da zu sein. Er bringt den Verletzten zu einem Wirt, der den Kranken pflegen kann. Er legt ihn nicht einfach dort ab, nach dem Motto „mein Teil ist erledigt, jetzt bist du mal dran mit Nächstenliebe“, sondern er verständigt sich mit dem Wirt darauf, was der Mann braucht und bezahlt den Wirt für seine Arbeit. Der Samariter kauft sich damit aber nicht etwa frei, vielmehr setzt er die Mittel ein, die er hat, eben auch sein Geld. Und dann zieht weiter seines Weges und kümmert sich wieder um seine eigenen Belange. „Liebe Gott, liebe deinen Nächsten, liebe dich selbst!“ Amen.

 

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