Predigt von Pfarrer Eckhard Sckell zum Thema: Vertrauen leben

Liebe Gemeinde,
Was bedeutet es für Sie, evangelisch zu sein? Manchmal muss man ja seine Konfession angeben. Wenn man das Formular ausfüllt beim Meldeamt zum Beispiel. Dort wird eigentlich nur formal nach der Zugehörigkeit zu einer Kirche gefragt. Aber was steckt dahinter? Ich bin evangelisch. Was heißt das? Unser Kirchenvorstand hat sich auch über diese Frage Gedanken gemacht. Das diesjährige Reformationsjubiläum ist für den Kirchenvorstand ein guter Grund, sich darüber Gedanken zu machen. Herausgekommen sind neun Leitgedanken. Heute soll es also in diesem Gottesdienst und auch in der Predigt um einen dieser Leitsätze gehen. Er lautet: Evangelisch sein bedeutet: Vertrauen leben. Als evangelische Christen in Dörnigheim, die Vertrauen leben, hören wir nun den Text aus der Bibel für den heutigen Sonntag. Ich lese aus dem ersten Buch Mose, Kapitel 3: 1 Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. 6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. 8 Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl ge-worden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten. 9 Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13 Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. 14 Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. 15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. 16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. 17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.

Liebe Gemeinde,  eine Geschichte voller Bilder und Symbole. Man kennt sie. Das Hören ist wie ein Erinnern. Ja, stimmt, so war das am Anfang. So war das mit Adam und Eva. Aber eigentlich geht es nicht um eine Geschichte, die vor Urzeiten geschehen ist. Eigentlich geht es um uns. Um uns Menschen heute. „Adam“ bedeutet: der aus Erde Gemachte und „Eva“ bedeutet: die, die das Leben schenkt. So ist Adam das Urbild des Mannes und Eva das Urbild der Frau – beide zusammen Urbild für die Menschheit,  für uns selbst. Betrachten wir also uns selbst. Ist es nicht das Natürlichste der Welt, dass der Mensch Grenzen nicht akzeptiert? Dass er Grenzen überwinden möchte, um weiter zu kommen, mehr zu wissen, mehr zu können? Macht das nicht gerade das Menschsein aus, dass wir forschen und entdecken, philosophieren und fragen, sezieren, unter das Mikroskop legen, auseinandernehmen und wieder zusammenbauen? So lange, bis wir mehr wissen über das, was uns bisher verborgen war? Ganz klar: Wir brauchen Grenzüberschreiter. Denn der Fortschritt der Menschheit war immer von den Grenzüberschreitern abhängig und von den Visionären, nicht von den Braven, die die ihnen gesetzten Grenzen klaglos akzeptierten. Ein gewisser Herr Edison gab sich nicht damit zufrieden, bei Kerzenlicht zu lesen. Er erfand die Glühbirne. Ob nun Kopernikus, Christoph Kolumbus, Robert Koch oder Steve Jobs: alle Entdeckungen und Erfindungen der Menschheit gehen auf Menschen zurück, die Grenzen, die bis dahin unüberwindbar schienen, nicht akzeptierten, sondern die den Mut hatten, sie zu überschreiten. Ja, wir brauchen Grenzüberschreiter. Denn das macht uns Menschen ja zu Menschen, dass unser Geist ein freier Geist ist und wir mehr können und mehr anstreben als nur dahin zu leben und uns mit dem Gegebenen abzufinden. Dafür hat uns Gott Geist und Vernunft gegeben. Was aber nun haben „Adam und Eva“ falsch gemacht? Was ist denn dann die Sünde der Menschheit, wenn es das Grenzüberschreiten als solches nicht ist? Es geht darum, welche Grenze ich überschreite. Nicht jede Grenze darf überschritten werden. Sollte es tatsächlich möglich sein, kranke Babys oder solche, die eine Krankheit bereits in ihren Genen tragen, schon vor der Geburt „auszusortieren“? Und wenn ja: Dürfen wir das? Oder müssen wir es sogar? Sollte es tatsächlich möglich sein, dass Men-schen andere Menschen sterben lassen, beim Sterben helfen oder sie sogar legal aktiv töten? Und wenn ja: Dürfen wir das? Oder sollen wir es etwa doch? Auch hier sind die Grenzen zwischen gut und böse nicht klar auszumachen. „Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, von dem hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.“ Wirklich zu wissen, was gut ist und was böse, kann nur Gott allein. Natürlich kommen wir in unserem Leben in Situationen, wo wir entscheiden müssen. Wenn ein Angehöriger im Sterben liegt, wenn er selber sich nicht mehr äußern kann, wenn die Ärzte fragen: Sollen lebensverlängernde Maßnahmen ergriffen werden? Soll die Person eine Magensonde bekommen? – Dann müssen wir entscheiden. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig. Aber wir tun es in dem Bewusstsein, dass wir eigentlich nicht wissen können, was richtig ist. Wir wissen nicht, was gut oder böse ist. Denn wir sind nicht Gott. Aber genau das wären wir gerne. Und das ist Sünde. Eine Grenze dürfen wir nicht überschreiten: So sein zu wollen wie Gott. Indem wir Gott sein wollen, haben wir Gott in Frage gestellt. Nein, nicht nur in Frage gestellt: verloren. Evangelisch sein, liebe Gemeinde, bedeutet, an Gott festzuhalten, zu glauben, die Grenze zu wahren zwischen Gott und Mensch, ihm zu ver-trauen, im Leben und im Sterben.

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